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Neuer deutscher Pop : Böhse Enkelz

  • -Aktualisiert am

Und so wird's gemacht: van Dyk (l.) und Heppner im Studio Bild: Universal Music

Rammstein, Wolfsheim und die Böhsen Onkelz besingen in ihren Texten voller absichtsvoller Ambivalenz ein Nationalgefühl. Der neue deutsche Pop versteckt sich nicht und singt rechts.

          Mein Nachmittag mit der deutschen Popmusik fing vor dem Fernseher an. Da stand ein Mann mit einer Pistole und zielte und traf und zielte und traf, es war die ARD, es war Athen, und der Mann gewann gerade Gold für sein Land, im „Schießen auf die laufende Scheibe“, wie sie sagten.

          Ich schaltete um auf MTV, schließlich wollte ich etwas über deutsche Popmusik erfahren, und da stand ein Mann mit einer Kamera und schaute und trauerte und schaute und trauerte, er ging durch eine zerbombte Stadtlandschaft, ein Alter, dem sie das Bein weggeschossen hatten, humpelte durchs Bild, die Musik dazu war unruhig und zittrig und dabei schmerzvoll elegisch, sie zögerte kurz vor dem Abgrund, bevor sich das Lied lustvoll hinabstürzte, in ein Gedränge und Geschiebe aus Beats und Geräuschen und Geschichte und Assoziationen, unterlegt mit einem fernen Siegesruf, einem kollektiven Taumel, einem Fallen und Vergessen.

          So ein Nachmittag vor dem Fernseher, dieser widerwilligen Wahrheitsmaschine, zeigt dann doch, was die Deutschen besonders gut können: Schießen und Brüllen.

          Wolfsheim: Wir sind wir

          Ich bekomme von so etwas Bauchweh

          „Wir sind wir“ heißt das Lied, mit dem der Techno-DJ Paul van Dyk und Peter Heppner von der Band „Wolfsheim“ zur Zeit sehr erfolgreich sind - ein über das Brüllen, über das Wollen, über den Trotz gelegter elektronischer Klangfluß, der einen fast rauschhaft mitziehen will, eine Hommage an das Wunder von Bern und die fünfziger Jahre, wobei einige Grundmomente der deutschen Trauermentalität aufreizend lässig angekumpelt werden. „Doch ich frag mich, ich frag mich, wer wir sind“, singt Peter Heppner, dieser Mann mit dem Dreißiger-Jahre-Gesicht, eine Art Kriegsberichterstatter von einer Front, die seine eigene Biographie ist und die Geschichte seines Landes. „Wir sind wir“, gibt er sich selbst die Antwort, „wir stehn hier, aufgeteilt, besiegt und doch, schließlich leben wir ja noch“. Und die Musik flutet alle Zweifel fort.

          Ich bekomme von so etwas Bauchweh, da kann ich nichts machen, aber vielleicht liegt es auch daran, daß ich nur ein liberales Lichtlein bin. Da ist diese absichtsvolle Ambivalenz, die aus dem Text drängt, „das kann's doch nicht gewesen sein“, „so schnell kriegt man uns nicht klein“, „jetzt könn wir haben, was wir wollen, aber wollten wir nicht eigentlich viel mehr"; da sind die Beats, zu denen einst an der Siegessäule der Love Parade fast eine Million tanzten und sagten, es ginge um Spaß und alles sei international, und jetzt geht es plötzlich darum, daß Berlin wieder laufen lernt und aufrecht steht; da ist diese Art, Steine anzustaunen, auf denen „Dem deutschen Volke“ steht; da ist dieser Trauertriumphalismus und Fatalo-Idealismus, den die beiden mit ihren zurückgekämmten Haaren zelebrieren; da ist das Hungrige, das Satte, das seltsam Schmatzende in diesem Lied, das Zukurzgekommene und Gierige und Unzufriedene; da ist die Gemeinschaft, die auf die banale und brutale Logik des „wir sind wir, wir stehn hier“ gebaut ist; da ist dieser Wiederaufbau-Kult, dem sich die zwei hingeben, etwas, das eher als Pfropfen auf der Vergangenheit funktioniert, jedenfalls wenn die Ruinen der Städte mit Sätzen wie „doch bleiben viele Fenster leer, für viele gab es keine Wiederkehr“ in ein historisches Niemandsland ohne Vorher und Nachher und Kausalität gestellt werden.

          Wie, was, da war doch gar nichts

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