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Neil Young wird sechzig : Im Straßengraben trifft man interessantere Leute

  • -Aktualisiert am

Musikalische Autorität: Neil Young Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Seine Autorität verdankt sich einem künstlerisch jederzeit unkorrupten Vorgehen. An diesem Samstag wird der kanadische Rockmusiker und Kommerzialitätsverweigerer Neil Young sechzig.

          Bob Dylan war außer sich, als er das hörte: „Verdammt, das bin ich, das klingt wie ich!“ Es klang gar nicht wie Dylan, war eine wunderschöne Melodie, getragen von einer jungenhaften Stimme, dazu ein kompakter, countrylastiger Sound. „I wanna live, I wanna give“ - das hätte schon textlich nicht zu Dylan gepaßt.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Neil Young war im Frühjahr 1972 auf dem Höhepunkt seines Ruhms, sein Song „Heart Of Gold“ drückte, wie die ganze Platte „Harvest“, die mit ihrem soliden Nashville-Sound ein Welterfolg wurde, die Sehnsucht des Einzelgängers auf eine so vollkommene Weise aus, daß Lied und Interpret fortan nicht mehr auseinander zu halten waren. Doch er wußte, daß von einem solchen Wurf auch Gefahr ausgeht. Ins Innencover seiner großen Werkschau „Decade“ schrieb er: „This song put me in the middle of the road. Travelling there soon became a bore so I headed for the ditch. A rougher ride, but I saw more interesting people there.“ Es ist schwer zu sagen, ob sich der abrupte Richtungswechsel bloßer Verunsicherung oder künstlerischer Überzeugung verdankte.

          Vom Sonnenglanz blieb wenig

          Eine hektisch aus dem Ruder gelaufene Tournee und eine Liveplatte später war von dem Sonnenglanz, den „Harvest“ verströmte, jedenfalls nichts mehr übrig. Das Wunderkind hatte seine Karriere mutwillig kaputtgemacht - um sie aus anderen Bausteinen wieder aufzubauen. Mit der heillosen Morbidität der folgenden Aufnahmen wußte Young nicht weniger zu faszinieren als mit der strukturellen Klarheit seiner bisherigen. Die sogenannte doom trilogy, die heute zum Kernbestand des Gesamtwerks gehört, diente ihm dazu, Trauerarbeit zu leisten für Verluste im engsten Umfeld: die allerdings dilettantische Platte „Time Fades Away“, dann „Tonight's The Night“, die haltlos alkoholisierte Moralpredigt auf den Lebenswandel eines Rock'n'Rollers und, vor allem, „On The Beach“, bleiche Totenmusik mit genialen Text- und Klangeinfällen.

          Urgewalt an der Gitarre

          Unbekümmert sang er hier von Charles Manson und schrieb der absterbenden Folkbewegung, die in Young eine ihrer bedeutendsten Figuren hatte, wenig Schmeichelhaftes ins Stammbuch: „We're all just pissin' in the wind.“ Niemand hätte sich diese Attacke auf eine fett und ideenlos gewordene Generation erlauben dürfen. Neil Young nahm sich das Recht dazu aufgrund seiner ungeheuren Produktivität und seiner zwanghaft anmutenden Selbsterfindungen; der „Ambulance Blues“ wurde, neben Don McLeans „American Pie“, der große Abgesang der Epoche. Der Privatismus, den Young mit bildhaft-schlichter, für Interpretationen offener Sprache artikuliert hatte, war mit seltener Konsequenz an ein Ende gekommen.

          Zivilisationskritik und Westernromantik

          Wie sehr er mit dem, was kommen sollte, auf Tuchfühlung stand, ließ sich schon frühen Liedern entnehmen, die den Punk vorwegnahmen. Ihm erwies er 1979 mit „Rust Never Sleeps“ überraschend Reverenz. Ohne sich anzubiedern, verbreitete er auf einer akustischen und einer elektrischen Plattenseite Zivilisationskritik und Westernromantik. Hier, in dem Song „My My, Hey hey“ fanden sich die buchstäblich zu Tode zitierten Zeilen „It's better to burn out than to fade away“ beziehungsweise „than it is to rust“: Der Grungemusiker Kurt Cobain, der Young vergebens zu erreichen versuchte, hatte sie im April 1994 auf einen Zettel geschmiert, bevor er sich eine Ladung Schrot in den Kopf schoß - eine Szene wie aus Goethes „Werther“, in dem der Verzweifelte sich ebenfalls mit einer Vorbeugung vor der Vätergeneration davonmacht. Aber Young war, wie Dylan, nie daran interessiert, die Stimme einer Generation zu sein; schon beim Woodstock-Festival, auf dem er mit „Crosby, Stills, Nash & Young“ auftrat, hielt er sich von den Filmaufnahmen fern; politisch ist er, um es vorsichtig zu sagen, unzuverlässig.

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