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Neil Young auf Tournee : Da sprach der alte Häuptling der Indianer

  • -Aktualisiert am

Der Häuptling und sein Stamm, stilecht auch im Batikshirt. Bild: Sascha Kopp

Neil Young schenkt Mainz mit seiner Band Crazy Horse einen Sommerabend großer Rockmusik. Samt treuherzigen Appellen zur Weltrettung, die man ihm einfach abnehmen muss.

          Die Gemeinsamkeit von Hannes Jaenicke und Neil Young scheint nicht auf der Hand zu liegen. Dabei teilen beide den – wohlwollend gesagt: kindlich-naiven – Wunsch, die Welt zu retten. Aber es gibt da auch einen gewaltigen Unterschied: Jaenicke drückt ihn in Form tendenziöser Tierfilme aus. Neil Young tut es in Form von herzerweichender Rockmusik.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn man also an einem lauen Sommerabend am Mainzer Zollhafen steht zwischen lauter friedlichen Altrockern und, man muss das so sagen, das riesige Glück hat, diesen achtundsechzigjährigen Achtundsechziger und seine gleichfalls in die Jahre gekommene Band Crazy Horse noch einmal in Topform zu erleben, dann gelten schnell schon keine rationalen Überlegungen mehr.

          Das erste Lied dauert 27 Minuten

          Dann löst man sich auf im Gibson-Gitarrensound, mit dem Young und sein Mitstreiter Frank Sampedro im dialogischen Spiel einen von der ersten Minute an eincremen. Dann wird man hineingezogen in den konspirativen Kreis, den sie zusammen mit dem Bassisten Rick Rosas auf der Bühne bilden, als stünden sie um ein Lagerfeuer. Dann merkt man auch gar nicht, dass das nach einer Viertelstunde Herumgegniedel auf zwei Akkorden nicht der Soundcheck ist, sondern schon das erste Stück. Nur welches eigentlich?

          Lange dauert es, bis endlich der Gesang anhebt. „Be on my side / I’ll be on your side“, etwas zittrig, aber unter aufbrandendem Applaus. Beim Refrain wird Young dann getragen von zwei phantastischen Background-Sängerinnen: „Down by the River“. Passt super, so direkt am Rhein. Da wagt sogar der Regisseur für die beiden Videoleinwände neben der Bühne einmal einen Schwenk auf die vorbeifahrenden Kähne im Sonnenuntergang.

          Dann aber zeigt er wieder Youngs schmerzverzerrtes Gesicht bei der Stelle „Aiii shot my Bay-Bee“, in Großaufnahme: backenbärtig, alles gebend, leidend eingeklemmt noch vom Kinnriemen seines Crocodile-Dundee-Lederhuts, den er offenbar vorsorglich gleich für die ganze Open-Air-Saison festgezurrt hat – allein dafür hat es sich schon gelohnt zu kommen. Sagenhafte 27 Minuten dauert dieses erste Lied.

          Ein altes, noch immer aufgewühltes Herz

          Es ist erstaunlich, was für beeindruckende Live-Shows gerade die großen alten Bands zurzeit noch einmal geben. Von anderen Rock-Dinosauriern unterscheidet sich Young allerdings nicht nur in seinem Verzicht auf technischen Schnickschnack: Während etwa die Stones Hits im Dreiminutentakt abfeiern, legen die Herren von Crazy Horse ein mehr als gemächliches Eselstempo vor, das dem riesigen über der Bühne schwebenden Bandlogo eines wild galoppierenden Indianers zu Pferde geradezu hohnspricht.

          Diese Band ist nach neunzig Minuten beim sechsten Lied angekommen: Das muss man auch erst mal schaffen. Bei einem ausufernd langen „Standing in the Light of Love“ (Betonung auf „Stehen“) hat auch der letzte der sechstausend Zuhörer kapiert: Hier „muss“ gar nichts. Man taucht ein in das Batik-T-Shirt von Frank Sampedro. Man fragt sich, ob Rick Rosas sich überhaupt schon einmal bewegt hat, bevor man sich in seinem spitzbübisch grinsenden Gesicht einer alten Indianerin verliert.

          Dann nimmt Häuptling Young sich doch noch ein Herz und eine Akustikgitarre, um von allen seinen nicht gespielten Hits wenigstens noch „Heart of Gold“ zu spielen – und erstaunlicherweise auch noch Bob Dylans „Blowin’ in the Wind“, als wäre es immer schon sein eigenes Lied gewesen. Es ist ein Abend inbrünstig gesungener Protestsongs, und nach einem dann doch noch vollgasgebenden „Rockin’ in the Free World“, bei dem auch Schlagzeuger Ralph Molina sich endlich verausgaben darf, endet er mit der kindlichen Frage „Who’s gonna stand up and save the Earth“?

          Mehrmals hat Young an diesem Abend die Parole ausgegeben, dass alles Übel der Welt von der Gier nach Öl herrühre. Man könnte darin eine gewisse Heuchelei erkennen, hat er doch daheim eine riesige Sammlung von Oldtimer-Benzinfressern in der Garage stehen. Aber wenn man Neil Youngs Mundharmonika hört, wie sie wimmert bei „Living With War“, einem Song, dessen Klage nicht nur politische, sondern auch ganz persönliche Beziehungen bezeichnen könnte, dann hat man keine Argumente gegen dieses aufgewühlte Herz.

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