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Neil Young : Gottes einsamster Mann spaziert am Strand

  • -Aktualisiert am

Neil Young, 30 Jahre später Bild: Wea

Schwierig ist es, vom Weg abzukommen und dabei eine gute Figur zu machen: Neil Youngs großes Album "On The Beach" erscheint nach 30 Jahren erstmals auf CD.

          4 Min.

          David Crosby war zu Tode erschrocken: "Das spiele ich nicht!" Der alte Gefährte aus den Tagen von "Crosby, Stills, Nash & Young" hatte den jüngsten der glorreichen vier bisher von einer ganz anderen Seite gekannt, hatte einen Song wie "Ohio" bewundert, zu Tränen gerührt darüber, daß Neil Young hier eine so spontane wie überzeugende Komposition aus der Feder geflossen war, mit der er seine zornige Stimme erhob gegen das, was im Mai 1970 im Zuge der Einschüchterung protestierender Studenten an der Kent University von Ohio passiert war: "Four dead in Ohio". Zusätzlich hatte sich der junge Neil Young mit Liedern wie "Southern Man" und "Alabama" gerade im linksliberalen Rocker-Milieu an der Westküste beliebt gemacht.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber nun - ein Lied über Charles Manson? Der Song, den Young mit Crosby an der Rhythmusgitarre einspielen wollte, hieß zwar "Revolution Blues" und konnte also alles mögliche bedeuten, war aber ein Monolog aus Sicht jenes Massenmörders, den Young sogar persönlich kannte und dessen bloße Erwähnung schon Unbehagen auslöste: eine Phantasie dessen, der all die reichen Schweine, die sich im Laurel Canyon breitgemacht hatten, am liebsten abgeschlachtet hätte: "We got twenty five rifles just to keep the population down."

          Eine der interessantesten Platten

          David Crosby machte dann doch mit und verlieh dem Lied einen unaufdringlichen drive wie zu "Byrds"-Zeiten, der sich in die wuchtige Basisarbeit der anderen beiden Gastmusiker Levon Helm und Rick Danko von "The Band" einfügt. Der "Revolution Blues" findet sich auf der Platte "On The Beach", die vor dreißig Jahren herauskam und eine der interessantesten Platten in Youngs Werk ist. Dieses Herzstück der durch den Tod des "Crazy Horse"-Gitarristen Danny Whitten und des Roadies Bruce Berry ausgelösten doom trilogy ist tongewordene, totenbleiche Angst und Einsamkeit, voller Paranoia und Überdruß. Daß es die Platte bisher nicht auf CD gab, ist ein Skandal für sich, erklärt sich aber damit, daß diese dunkle Etappe nicht eben zu Youngs kassenträchtigsten zählt; daß sie inzwischen und neben drei weiteren, allerdings schwächeren Alben aus der mittleren Phase - nämlich und ebenfalls bei Reprise/Warner: "American Stars 'N' Bars", "Hawks And Doves" und "Re-ac-tor" - angenehm preisgünstig zu haben ist, sollte jeden freuen, dem die Lücke zwischen "After The Goldrush" und "Harvest" einerseits und andererseits der fast schon indifferent gepriesenen Spätzeit Youngs als des Vaters des Grunge und alles möglichen anderen zu weit klafft.

          Auf eine Platte, die den "Blues" dreimal im Titel bereithält, war die Welt nicht vorbereitet, trotz der Unberechenbarkeit des Eigenwilligen, die sich im hektisch-nervös aus dem Ruder gelaufenen Live-Album "Time Fades Away" aus dem Vorjahr erstmals artikuliert hatte. Neil Young war damals in einer Umbruchphase, der er im Unterschied zu manchen Kollegen keineswegs mit Drosselung seiner Produktion begegnete, sondern mit deren Steigerung - zwischen 1972 und 1983 gibt es kein Jahr, in dem nicht mindestens eine Platte von ihm herausgekommen wäre.

          Aschfahl, brüchig, aber kraftvoll

          Auf dieser äußerst wechselvollen Strecke nimmt "On The Beach" allein schon wegen seines Pessimismus eine Schlüsselstellung ein. Tiefsinniger kam die Selbstverlorenheit dieses Mannes nie wieder zum Ausdruck. Die vorher eingespielte, aber bis 1975 zurückgehaltene Platte "Tonight's The Night", die vielen als eigentlicher Höhepunkt der Trilogie gilt, erscheint in ihrer berauschten Haltlosigkeit deutlich harmloser; sie reflektiert direkter, aber weniger verstörend die Ereignisse und Stimmungen jener Zeit. Neben dem Drogenhorror in seinem Umfeld hatte Neil Young auch den Erfolg seiner frühen Solojahre zu verarbeiten, der es ihm als notwendig erscheinen ließ, allen Lobrednern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Song "Heart of Gold", sagte er später, habe ihn auf den Weg gebracht; danach habe er den Straßengraben aufgesucht - "a rougher ride but I met more interesting people".

          Das Ergebnis dieser Bemühungen ist eine Sammlung aschfahler, brüchiger, aber alles andere als kraftarmer Lieder von karger Schönheit. Zur digitalen Abspielung paßt der klaustrophobisch scheppernde Klang, den ein so nie mehr zusammengekommenes Produzentenvierergespann besorgte, dabei ausgesprochen gut. Die Wärme, die man dem analogen Verfahren gemeinhin abhört, muß hier niemand vermissen - es gab sie schon 1974 nicht. Das samt Innenhülle originalgetreu nachgemachte Cover signalisiert mit seiner Aufmachung, die einem B-Movie entnommen scheint, eine Untergangsstimmung, in die sich bereits diffuse Umweltängste zu mischen scheinen. Der metaphernselige, vielfach ausdeutbare Liebesliederromantizismus, mit dem Young berühmt wurde, war einem eher weltanschaulichen Gestus gewichen, der ätzende Schärfe annehmen konnte. Die Musik ist so unergründlich wie der silbrig-blaue, wolkenverhangene Horizont, auf den der Musiker blickt. "On The Beach" nahm sich in der damaligen Superstarzeit wie ein Fremdkörper aus und ist wohl aufgrund dessen von zeitloser Qualität.

          Musik als Zeitdiagnose

          "World is turning, I hope it don't turn away": Wie von einem fernen, dem mainstreamorientierten Publikum noch unbekannten Rockplaneten herüberklingend, beschwört das siebenminütige Titelstück eine Strandlandschaft, in welcher sich der Musiker wie Gottes einsamster Mann ausnimmt, dort und überall: "I went in for the radio interview but I ended up alone at the microphone." Der Klage über die Verlassenheit kontrastiert die Abrechnung mit der eigenen, satt und langweilig gewordenen Generation: "Back in the old folky days / the air was magic when we played", hebt zur gezupften Gitarre der scharfe Anti-Folk des "Ambulance Blues" an, der jeden Lebenssinn, jede Kommunikation unterläuft, ohne selbstgerecht zu werden: "You're all just pissin' in the wind, you don't know it but you are." Was hier in neun Minuten, in denen neben Young der dubiose, aber hochoriginelle Geiger Rusty Kershaw den Ton angibt, vor sich geht, erreicht in seiner schwermütigen Hellsicht die Qualität von Don McLeans "American Pie": Musik als Zeitdiagnose.

          "On The Beach", von dem durchschnittlich interessierte Neil-Young-Hörer wahrscheinlich nur "Walk On" und "For the Turnstiles" aus der Werkschau "Decade" kennen, ist nicht nur aufgrund seiner Verweigerungshaltung eine der ungewöhnlichsten Platten der siebziger Jahre - scheinbar ein Dokument der Trostlosigkeit, des Absturzes in einer bis dahin makellosen Karriere; in Wirklichkeit das faszinierende und, wenn man sich darauf einläßt, verblüffend anschlußfähige Werk eines Musikers, der die Notwendigkeit der Richtungsänderung bereitwilliger akzeptierte als jeder andere seiner Zeit. Neil Young war vom Weg abgekommen, und zwar mit voller Absicht. Den Aufenthalt im Straßengraben wußte er auf eine Weise zu nutzen, die uns auch heute noch etwas sagt.

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