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Nachtleben in Corona-Zeiten : Keimfrei tanzen

So sind es DJs gewöhnt. Jetzt lesen sie in leeren Clubs auf. Bild: dpa

Etwas einsam, aber es hilft: Jetzt trifft sich die Tanzkultur zum Streamen und Spenden im Netz, während DJs in leeren Clubs stehen. Zu dritt auf Tour.

          4 Min.

          Das muss die härteste Prüfung des DJs sein: hinter dem Mischpult im Club vor einer leeren Tanzfläche zu stehen und nichts an der Leere ändern zu können. Aufzulegen, ohne anhand der Reaktionen der Tanzenden, die in dieser Musikkultur immer das Erlebnis mitbestimmen, das Programm gestalten zu können. Der lesende Blick in den Raum, er geht ins Nichts und dann schnell wieder nach unten.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Ein Abend im Watergate an der Spree. Auf der Website steht: „Ohne in der Schlange zu stehen – access all areas“. Hinter dem Mischpult stehen namhafte DJs, Platz ist für 700 Gäste. Und als es um neunzehn Uhr, reichlich früh für eine Berliner Nacht, beginnt, filmt nicht nur das Team von Arte concert, das den Clubs bei diesem Experiment zur Seite steht. Es filmen auch die DJs und Musiker und Clubgänger aus ihren leeren Wohnzimmern für Instagram. „Oh my god“, schreiben sie, „Watergate in my kitchen“. Da läuft der Livestream auf einem großen Fernsehbildschirm, da hat jemand Diskolichter angemacht, da tanzt eine in Pantoffeln auf dem Teppich. So sieht Nachtleben in Zeiten von Social Distancing aus.

          Die Berliner Clubcommission, Vertreter der Betreiber in der Hauptstadt, hat dafür gesorgt, dass in den kommenden Wochen jeden Abend Programm aus Berliner Clubs zu sehen ist. Wie andere Musiker, Orchester und Bands haben die Produzenten elektronischer Tanzmusik, die DJs, die von ihren Liveacts leben, keine andere Wahl. Natürlich geht es um Spenden. Etwa 9000 Mitarbeiter und mehrere tausend Künstler sind ohne Beschäftigung. Einige Clubs haben schon Insolvenz angemeldet. Bis Stadt und Land über den erbetenen Zehn-Millionen-Euro-Rettungsfonds entscheiden, soll das Spendengeld von Fürsprechern aus der ganzen Welt helfen.

          Ein Kammerkonzert braucht kein physisch anwesendes Publikum, um zu gelingen. Wie ist er also, der Abend im digitalen Club? (elwi.)

          Dunkel und einsam, aber es hilft: Am Mittwoch im Watergate

          Das Streaming beginnt kurz nach dem Abendessen. Soll keiner erwarten, dass man da schon vorzeigbar für die Hipster auf der Tanzfläche ist. Aber die sehen einen ja nicht, vielleicht haben sie selbst gerade den Staubsauger weggestellt. Angenehm: Einlasskontrolle entfällt, Kleiderordnung ausgesetzt.

          Das Gute an einem solchen Abend ist, dass kein Babysitter bestellt werden muss, denn das Geschehen an den Mischpulten kann in der angespannten geomedizinischen Lage nur im Wohnzimmer oder in der Küche verfolgt werden. Heimlich und unbemerkt lässt sich das Essen verräumen, während die beiden DJs von Gheist sich gerade mit ihrem Elektrobeat-Set aufwärmen. Als der Bergkäse verpackt ist, stürzt der Stream auf einmal jäh ab. Als er wieder läuft, ist die Aufregung dahin. Aber immerhin: Eine interessante sensorische Verbindung zweier Welten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.

          Monika Kruse ist eine von denen, die den Erfolg bewahren konnten. Schon Mitte der neunziger Jahre formte sie das Münchner Nachtleben mit und zählt noch immer zu den besten ihrer Zunft. Als sie die Regie hinterm Pult übernimmt, fängt die Kamera die urbane Kulisse an der Oberbaumbrücke ein, die Kreuzberg und Friedrichshain verbindet. Eine U-Bahn überquert das Bauwerk, dann wechselt die Perspektive. Kruse mit schwarzem Top, dazu stampfende Beats und zurückhaltende Bewegungen. Noch nie hat man so intensiv einem Facharbeiter beim Erzeugen der Sounds zugesehen. Wenn man sich früher von Soundkünstlern wie LTJ Bukem oder Carl Craig akustisch fernsteuern ließ, blieb später nur die Erinnerung an ferne Figuren hinter einem Pult. Haben sie gelächelt, mit dem Publikum kommuniziert? Die Wahrnehmung ist verblasst.

          Was fehlt, warum die Leere? Die physische soziale Interaktion ist das eine. Das andere: Im Kühlschrank steht noch eine Flasche Cola, drei Wochen alt, die Kohlensäure ist weg. Zum polnischen Wodka passt sie nicht. (pik.)

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