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Nachruf auf Johnny Winter : Im Meer seiner Tränen

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„Spindeldürr, schlohweißes Haar, die Arme über und über tätowiert“ - Johnny Winter 2008 auf der Bühne Bild: dpa

„Der Blues wird niemals sterben“, sagte Johnny Winter einmal. Mit ihm aber verliert er zumindest einen Teil seiner Seele. Zum Tod einer Legende.

          Vor 45 Jahren schlug Johnny Winter in die Rock-Szene wie eine Bombe ein. Für seine erste Langspielplatte lieferten sich Amerikas damals führende Schallplattenfirmen ein legendäres Bieter-Rennen, bei dem Columbia schließlich den Vogel abschoss und Johnny Winter und seiner Band einen selbst für damalige Verhältnisse spektakulären Vorschuss von 300 000 Dollar anbot.

          Zu verführerisch erschien den Bossen der Plattenindustrie wohl allein schon Winters optische Erscheinung: ein spindeldürrer, halbblinder Albino aus Texas, der rasend schnell Gitarre spielen konnte und komplett dem Blues verfallen war. Noch heute zählt die Langspielplatte „Johnny Winter“ von 1969 zu den absoluten Klassikern; die Fassungen von Blues-Standards wie „Good Morning Little Schoolgirl“ und „I’ll Drown In My Own Tears“, wo er als Sänger fast dramatischer klang als Ray Charles, gelten immer noch als unerreicht. Die Band, zu der Winters Bruder Edgar am Klavier, der Schlagzeuger „Uncle“ John Turner und der Bassist Tommy Shannon gehörten, eroberte Amerika im Handstreich.

          Keine Lust, über Musik zu sprechen

          Ein breiteres deutsches Publikum lernte Winter erst zehn Jahre später kennen; Rockpalast-Macher Peter Rüchel hatte einen Narren an ihm gefressen und holte Winter 1979. Seitdem konnte Johnny Winter auf ein Publikum zählen, das auch zu seinen beiden Deutschland-Konzerten Ende Mai dieses Jahres wieder zahlreich erschienen war. Johnny Winter sah eigentlich aus wie immer: spindeldürr, schlohweißes Haar, die Arme über und über tätowiert. Dass er mittlerweile siebzig Jahre alt war, merkte man ihm dennoch an. Wie viele Musiker seiner Generation hatte er beim Interview wenig Lust, ausführlich über seine Musik zu sprechen.

          Johnny Winter, 1979, mit seiner Freundin Christine

          Die jungen Gitarrengniedler von heute, die die Blues-Szene einigermaßen am Leben halten, hörte sich Winter schon an – Joe Bonamassa aber, der auf Winters neuem Album „Step Back“, das Anfang September postum erscheinen wird, zusammen mit Winter „Sweet Sixteen“ vergewaltigen darf, kannte er vorher nicht. Neben Eric Clapton und Bonamassa sind auch Brian Setzer, Leslie West, Joe Perry, Billy Gibbons, Dr. John und Ben Harper auf der Platte zu Gast, die jetzt Johnny Winters Vermächtnis ist.

          „Es fühlt sich gut an, die Leute glücklich zu machen“

          Einen weiteren Glanzpunkt in seiner Karriere setzte Johnny Winter 1992, als er bei Bob Dylans Jubiläumskonzert im New Yorker Madison Square Garden mit seiner Fassung von „Highway 61 Revisited“ dem Abend die Krone aufsetzte – neben ihm konnten eigentlich nur noch Lou Reed, Ron Wood und Neil Young mit ihren Beiträgen bestehen.

          Dass seine Karriere mit dem letzten Album „Roots“ vor drei Jahren noch einmal kräftig Fahrt aufnahm, hat Johnny Winter dankbar zur Kenntnis genommen; aber die Erklärung, warum er so lange durchgehalten hat, fiel Ende Mai in Berlin denkbar schlicht aus. „Ich liebe es zu spielen“, sagte er, „es macht mir einfach Spaß. Das ist wohl das ganze Geheimnis, wenn man so lange durchhält wie ich. Es fühlt sich gut an, die Leute glücklich zu machen.“

          Im Grunde banale Aussagen wie „Der Blues wird niemals sterben“ klangen aus seinem Munde wie letzte Weisheiten. Johnny Winter ist als Bluesmusiker zu einer derartig ikonischen Figur geworden, dass er sogar als Figur in der Zeichentrick-Serie „Die Simpsons“ vorkam – eine Ehre, die zwar vielen, aber nicht übermäßig vielen Musikern zuteilwurde. Jetzt ist Johnny Winter im Alter von siebzig Jahren in Zürich gestorben.

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