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Zum Tod von Little Richard : Der schillernde Evangelist der schrillen Kunst

  • -Aktualisiert am

Kurz vor dem Schrei, der alles ändert: Dass er am Klavier nicht lange sitzenbleiben konnte, war noch das Ruhigste an Little Richard (hier live 1957). Bild: Picture-Alliance

Seine wilde Sorte Individualität machte Epoche, von den Beatles über Bowie bis heute: Ein Nachruf auf den Ur-Rock-’n’-Roller Little Richard.

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          Der Rock ’n’ Roll hat eine ganze Reihe bunter, schräger Vögel hervorgebracht; und jeder von ihnen ging für seine Karriere, abseits von den Gefährdungen und Verlockungen, welche die Unterhaltungsindustrie ohnehin mit sich brachte, auch ein ganz persönliches Risiko ein. Die Geschichte dieser Musik lässt sich, so gesehen, als fortschreitende Liberalisierung lesen, die freilich nie zu Ende erzählt ist. Zu Beginn der siebziger Jahre gehörte weniger Mut als früher dazu, geschminkt und in geschlechtlich uneindeutiger Garderobe die Bühne zu betreten, wie dies Elton John, Marc Bolan und David Bowie, ein Jahrzehnt später Prince und Boy George taten – Künstler allesamt, die ihrer spezifischen Dissidenz Mainstream-Karrieren abrangen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Vorbild und Muster für diese und viele andere Figuren ist Little Richard. Der Tabubruch, den er in mehrfacher Hinsicht beging, als er in den späten Fünfzigern in seiner rassisch getrennten Heimatstadt Macon, Georgia, seinen gleichfalls homosexuellen Fans im Publikum als seinen sisters verschwörerisch zuzwinkerte, während er, angezogen und vor allem angemalt wie eine Frau, die Haare wie Zuckerwatte, das Klavier mit Händen und Füßen, mit Armen und Beinen traktierte und mit heiserster Kehle seine Schlachtrufe intonierte, die sofort sprichwörtlich wurden und es bis heute sind – dieser Tabubruch lässt sich kaum noch begreifen.

          Phil Walden, der mithalf, den ohne Little Richard auch kaum vorstellbaren Otis Redding zu einem der größten Stars des Sechziger Soul zu machen, erzählt: „Little Richard schaffte mich. Er sang viele der Songs, die er später aufnahm, allerdings in einer nicht ganz stubenreinen Version. Zum Beispiel Tutti Frutti. ,Tutti Frutti / good booty / Miss Lucy is juicy / Miss Tight is allright / It ain’t the ocean, it’s the motion‘ – nur solche Sachen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Tutti Frutti rauskam, an den Abend, als ich es zum ersten Mal im Radio hörte. Wir saßen gerade am Esstisch, und ich drehte das Radio voll auf, aber mein Daddy sagte: ,Stell den verdammten Krach leiser.‘ Kurze Zeit später sah ich ihn in der Innenstadt, es war höllisch heiß, und ich sah Little Richard auf der anderen Straßenseite, wie er einen Sonnenschirm hin und her drehte, und ich sagte zu meinem Kumpel: ,Das ist Little Richard.‘ Und dann überquerte er die Straße und ging direkt an mir vorbei. Ich hatte Angst, ihn anzusprechen, ich hatte solche Ehrfurcht vor ihm, aber dann sagte ich: ,Tutti Frutti‘. Und er sagte: ,Oh, rooty.‘ Mein Gott.“

          Um derlei auszulösen, worin sich das Identifikationspotential einer neuen Kultur verdichtete, reichte es nicht, ein Bürgerschreck zu sein. Die enorme Energie, die Little Richard in seine Erscheinung einspeiste und für ein buchstäblich hingerissenes Publikum gleichzeitig wieder daraus befreite, hätte er wahrscheinlich gar nicht aufbringen können, wenn er den Rock ’n’ Roll nicht als etwas begriffen und wenn dieser ihn nicht umgekehrt als etwas ergriffen hätte, das Leben, Fühlen und Denken, die ganze Art zu sein, prägt. Schon als Energetiker war er einzig. Und in seiner lyrischen Methode, Texte ohne Sinn und Verstand, die nur gut klingen, zum Vehikel seiner Kommunikation zu machen und damit Sprache für die Rock- und später auch für die Popmusik als rein funktionalen Teil zu gebrauchen (an dem jede auf Tiefsinn ausgehende Befassung zuschanden werden muss), war er es auch – a wop bop a loo bop a lop bam boom: Während Chuck Berry zur selben Zeit Alltagssprache und -situationen als integrale Teile seiner Kunst handhabte, feierte Little Richard den puren, lautmalerischen Nonsens und, in seinem Äußeren, mit den gewagten Kieksern und Schreien, das komplette Überschnappen. So, und mit dem Repertoire seiner absoluten Glanz- und Hochzeit von 1956 bis 1958 („Reddy Teddy“, „Rip It Up“, „Long Tall Sally“, „Lucille“, „Good Golly Miss Molly“) wurde er die wohl wirkmächtigste Inspiration für die zweite Generation; insbesondere für Paul McCartneys Ausflüge in den reinen, harten Rock.

          Wie es dazu passt, dass Little Richard auch ein gottesfürchtiger Mann war, der schon vor 1960 eine Vollbremsung einlegte, sich als Theologiestudent einschrieb, dann tatsächlich predigte und ansonsten nur noch Gospels sang, ist eine andere Frage. Die Legende will es, dass er den sowjetischen Sputnik als Zeichen des Himmels begriff, während einer Heimfahrt per Schiff aus Australien seine Juwelen über Bord warf und zu Hause seine Cadillacs verkaufte. Dass Musiker, die es ernst meinen, ein Erweckungserlebnis haben, das ihrer Kunst allerdings nicht immer guttut, kommt vor. Unter den Angehörigen der Gründergeneration war Little Richard der „südlichste“, von Haus aus eine Menge Kreol in sich bergend und viel mehr mit der (schwarzen) frenetischen Inbrunst des Soul operierend als mit den, verglichen damit fast schon beherrschten, Ausdrucksweisen des weißen Rock ’n’ Roll, mehr New Orleans, wo er, begleitet von Fats Dominos Band, sein Frühwerk einspielte, als Memphis, wo das Million-Dollar-Quartett Elvis Presley, Carl Perkins, Johnny Cash und Jerry Lee Lewis bei Sun Records unter Vertrag war.

          Es ist das Schicksal bedeutender Neuerer, dass sie lange vor der Zeit historisch werden können. Little Richard gab zwar nie Ruhe, wechselte zwischen Kanzel und Bühne, auf der er oft noch zu alter Magie fand, hin und her, das Selbstparodistische, das seiner Kunst immer schon angehaftet hatte, trat dabei überdeutlich hervor; aber dass er wahrhaft eine Nummer war, das merkte man auch seinen späteren und spätesten Präsenzen in Film, Funk und Fernsehen, bei denen er sich unverhohlen witzig-effeminiert gab, an. Von den ganz Großen lebt jetzt nur noch The Killer (Jerry Lee Lewis). Am Samstag ist „Little“ Richard Wayne Penniman siebenundachtzigjährig in Nashville, Tennessee, gestorben.

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