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Zum Tod von Andreas Banaski : Schieß den Pfeil ins Herz!

Ausriss aus Sounds, Januar 1983. Die Aufmachung suggeriert, dass auch Banaski im Bild sei. Ist er aber nicht. Das Foto zeigt, von rechts nach links: Joachim Lottmann, Diedrich Diederichsen, Stefan T. Ohrt und dessen Freundin Angelika Bild: Sounds/repr F.A.Z.

Als er jung war, nannte er sich Kid P. und schrieb Texte, die maßlos und auf der Höhe ihrer Zeit, der Achtziger, waren. So hat er eine ganze Generation von Kulturjournalisten inspiriert. Jetzt ist Andreas Banaski gestorben.

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          Jemand musste einen Giftpfeil ins Herz des Andreas Banaski geschossen haben – und dass dieser jemand nicht die britische Band ABC war, deren Songzeile „Shoot that poison arrow to my heart!“ zu Banaskis allerliebsten gehörte: Das merkte man nur daran, dass sein Herz schon sehr heiß war und dass sich diese Hitze schon zu Sätzen formte, kurz bevor dann, im Frühsommer 1982, „The Lexicon of Love“ erschien, das Album von ABC, dessen Lehrsätze die Artikel Banaskis ein Jahr lang ausbuchstabierten.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          KidP. nannte er sich, das war sein Kampf- und Künstlername – und wenn man weit entfernt von Hamburg lebte und nur von den Artikeln in „Sounds“, der damals einzigen ernstzunehmenden Musikzeitschrift, auf die Person dieses Autors schloss, dann ahnte man, dass er aus der norddeutschen Provinz nach Hamburg gekommen war. Und man stellte sich vor, dass er einfach hineingestürmt sei in die „Sounds“-Redaktion; und dass Diedrich Diederichsen, damals der Chefredakteur, allein das Temperament des damals Dreiundzwanzigjährigen als hinreichende Qualifikation für große Artikel betrachtete.

          Maßlos und schwärmerisch

          Was Kid P. dann schrieb, war in jeder Hinsicht maß- und hemmungslos, ungerecht, schwärmerisch, apodiktisch, laut; es klang, als ob er auf seiner Schreibmaschine nicht nur gigantische Synthie-Orchester, sondern auch noch die komplette Gefühlsklaviatur des Hollywood-Melodrams beschwören wolle – und das Erstaunliche war, dass die Leser genau darin, in dieser radikalen Subjektivität, die eigenen, womöglich noch ungeformten Haltungen schon entworfen fanden. Dass unter diesen Fans sehr viele waren, die dann selbst Journalisten wurden, sprach immer sehr für Banaski; so wie es auch beeindruckend war, dass er, als er glaubte, alles gesagt zu haben, sich ins Archiv zurückzog und die Texte anderer Leute sortierte.

          Wie dringend der Aufruhr gegen die versteinerten Sprachregelungen und semantischen Machtverhältnisse damals nötig war, zeigt sich im Synchronschnitt: Karl Heinz Bohrer beschimpfte 1984 im „Merkur“ Politiker als Zombies, Rainald Goetz kam so richtig in Form. Das ist die Reihe, in die Banaski gehört. Am Donnerstag ist er, dreiundsechzigjährig, gestorben.

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