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Musikstadt Nashville : Vom Banjospieler zum Millionär

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Die Studios auf der legendären „Music Row“ sind oft unscheinbare Wohnhäuser - aber eben doch manchmal „home of a thousand hits“: Notenständer im RCA Studio B
Die Studios auf der legendären „Music Row“ sind oft unscheinbare Wohnhäuser - aber eben doch manchmal „home of a thousand hits“: Notenständer im RCA Studio B : Bild: J. Wiele

Erst in diesem Umfeld kam auch Wagners Band Lambchop recht auf die Beine: indem sie am Wochenende in verschiedenen Studios ihre Debütaufnahmen machte. Das bisweilen ausufernd große Kollektiv, das die Lambchop-Auftritte so besonders macht, die Pedal-Steel-Gitarre in einem ganz neuen Kontext - auch dies sind wohl Prägungen Nashvilles. Und für das Cover seines Duett-Albums mit der Sängerin Cortney Tidwell hat Kurt Wagner sogar einmal seine sonst wie festgewachsen wirkende Trucker-Kappe gegen einen zünftigen Hut eingetauscht.

Die Schnalle am Bibelgürtel

Zu den jüngsten Produkten der Stadt zählt eine nach ihr benannte Fernsehserie (F.A.Z. vom 26. Februar), die Kabale und Liebe im New-Country-Milieu durchspielt. Kurt Wagner meint, sie sei etwas zu „glossy“, also aufgehübscht, und grinst: Er könne einem auch Orte zeigen, die Nashville sehr unattraktiv aussehen ließen. Stattdessen aber fahren wir noch in seine Lieblingsbar, die ziemlich attraktiv aussieht und extravagante Drinks bietet. Einen „Sinnerman“ zum Beispiel - hochprozentige und sehr schmackhafte Erinnerung daran, dass die Stadt noch vor dem Advent der Musik für ihren religiösen Konservatismus und ihre Bibelverlage bekannt war. Nicht ohne Grund nennt man Nashville auch „the buckle on the bible belt“. Bis heute ist es die Hauptstadt der amerikanischen Bibelindustrie mit Verlagssitzen von Thomas Nelson Publishers, United Methodist Publishing und Gideons International.

Wofür Nashville schließlich noch steht, mehr als für alle Stars, die hier gemacht wurden, sind seine exzellenten Musiker, die oft im Hintergrund agieren - und die Songschreiber. In der Musicians’ Hall of Fame kommen sie zu ihrem Recht, dort sieht man auch viele Instrumente, die sie benutzt haben. Manche tragen die Spuren vom Wasserschaden der großen Flut von 2010. Aber Nashville hat sich wieder aufgerappelt, auch dank vieler Charity-Konzerte.

„I’d smoked my brain the night before /  On cigarettes and songs I’d been pickin’...“ (Kris Kristofferson, „Sunday Morning Coming Down“)
„I’d smoked my brain the night before / On cigarettes and songs I’d been pickin’...“ (Kris Kristofferson, „Sunday Morning Coming Down“) : Bild: visitmusiccity

Am letzten Abend muss es dann doch noch einmal die Partymeile sein, der Broadway mit seinen Honky Tonks, die mit bunten Leuchtschildern locken - diese glitzernde Seite hat der Stadt den ganz anderen Spitznamen „Nash Vegas“ eingehandelt. In den Musikclubs kann man auch Bekanntschaft mit der etwas ruppigeren Cowboyklientel machen, die hier schon ab Mittag trinkt und schwoft.

Bist du einsam heut' Nacht?

Im „Paradise Park“ spielt gerade eine Südstaatenrockband im Stil von Lynyrd Skynyrd, das Publikum ist eher auf der jüngeren Seite, es wirkt fast ein bisschen wie eine Spring-Break-Veranstaltung: Bier aus Saftkrügen und viel beefcake. Für die etwas Älteren ist „Robert’s Western World“ der klassische place to be: Hier spielt ein Gitarrist namens Chris Casello eine derart feine Rockabilly-Gitarre mit so viel Twang, dass wir hängenbleiben. Alle Klassiker hat er im Programm: Dick Dales „Misirlou Boogie“, dann eine höllisch schnelle Version von Chet Atkins’ „Mister Sandman“, dann auch eigene Kompositionen im Geiste des großen Hank: So wird es denn „Midnight On The Bayou“ in den Hügeln von Tennessee.

Gegen zwei Uhr ist es Zeit für das Lied „I Honky-Tonked All The Way Back Home“, wobei in den Musikschuppen noch längst kein Ende in Sicht ist. Es ist auch noch keine Zeit für Nashville: Schließlich war es 4.30 Uhr morgens, als am 4. April 1960 einige Blocks entfernt Elvis Presley nach langem Herumprobieren endlich die richtige Atmosphäre für den Song fand, den er aufnehmen wollte: Alle Lichter im Studio B wurden gelöscht, und in dunkelster Nacht und nur einem Take sang der Hüftschwinger „Are You Lonesome Tonight?“ ein.

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