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Musikstadt Nashville : Vom Banjospieler zum Millionär

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Interessant ist aber vor allem, wie sich die Liedtexte verändert haben: Vom Weltschmerz der armen Malocher, von der genießerischen Melancholie der Verlassenen oder Betrogenen, die einmal der Inbegriff von Countrymusik waren, ist fast nichts mehr zu hören - das wird im Kontrast besonders deutlich, wenn die Single des Jahres „Cruise“ und der Song des Jahres „I Drive Your Truck“ heißt, während ein Herzbruch-Lied wie George Jones’ „He Stopped Loving Her Today“ nur noch bei einem Auftritt zu Ehren des im April verstorbenen Musikers zu hören ist. Im Publikum der Arena erheben sich dabei zum ersten Mal auch die älteren Männer und Frauen mit großen Hüten zu standing ovations.

Manche sind ja sogar der Meinung, dass es Country gar nicht mehr gibt. In seinem Buch „Sing Me Back Home“ begrenzt der „New York Times“-Journalist Dana Jennings die klassische Countrymusik auf die Phase von 1950 bis 1970 und sieht danach nur noch Niedergang, die jungen Stars von heute böten nichts als „cheesecake for the men“ und „beefcake for the women“ - also Sexbomben und Muskelprotze, während die Inhalte nichtssagend und austauschbar seien. Nach Jennings liegt das vor allem daran, dass die Lebensumstände des ländlichen Amerika der Arbeiterklasse aus der von ihm benannten Country-Kernepoche heute nicht mehr existierten. Aber ist das wirklich wahr? Geht es vielen nicht sogar inzwischen schlechter? Möglich ist ja auch, dass der Gestus des Leidens und Verlierens heute im Mainstream-Country schlicht nicht mehr gewollt ist. Wie es auch sei: Die Kritik an der kommerziellen Countrymusik ist selbst schon alt, sie bestimmte schon 1977 Robert Altmans Spielfilm „Nashville“, über den manche hier nicht so gern sprechen. Aber diese Kritik sollte auch nicht übersehen lassen, dass Nashville durchaus vielseitiger ist als die Country Music Awards.

Auf der anderen Seite

Kurt Wagner kommt mit einem Auto, das neben all den Pick-up-Trucks und panzerartigen SUVs hier ziemlich klein wirkt. Der Sänger der Band Lambchop, deren Stil gern als „Alternative Country“ apostrophiert wird, wurde 1958 in Nashville geboren und hat seine Kämpfe mit der Stadt ausgefochten, aber dann nach langem Herumreisen doch noch seine künstlerische Heimat hier gefunden. Mit siebzehn wollte er aber erst mal nur weg und ging nach Memphis, das er musikalisch inspirierender fand. Damals sei Nashville schäbig und hinterwäldlerisch gewesen, sagt er, „a hick town“. Und auch eine zweigeteilte Stadt, denn hier regierte die Segregation.

Er hat so seine Kämpfe mit Nashville ausgefochten - und trotzdem jetzt eine künstlerische Heimat dort gefunden: Lambchop-Sänger Kurt Wagner
Er hat so seine Kämpfe mit Nashville ausgefochten - und trotzdem jetzt eine künstlerische Heimat dort gefunden: Lambchop-Sänger Kurt Wagner : Bild: Kaufhold, Marcus

Um daran zu erinnern, fährt er zunächst die Church Street entlang: Hier gab es 1962 die ersten Sit-ins, mit denen Studenten gegen die Nichtbedienung von Schwarzen in den Restaurants von Downtown Nashville protestierten. So gut wie alle Gebäude von damals seien verschwunden, sagt Wagner, die Stadt habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert: Während er den Titel von Bob Dylans hier 1969 aufgenommenem Album „Nashville Skyline“ früher für Ironie gehalten habe, könne man das heute nicht mehr sagen. Eine derart boomende City ist Wagners Ort nicht, die Gegend um den Broadway empfindet er als „Disneyland“.

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