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Musikstadt Nashville : Vom Banjospieler zum Millionär

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Heute versucht man in jeder Sendung eine ausgewogene Mischung zwischen traditionellen und jüngeren Spielarten von Bluegrass, Country und Gospel. Den größten Applaus an diesem Abend streicht ein junges Vokalensemble aus Alabama ein, das ein Lied über einen gefallenen Soldaten singt, bei dem alle Veteranen im Publikum aufstehen. Über vieles Vergangene sagt man ja in Amerika gern: „They don’t make ’em like that anymore.“ Aber die Grand Ole Opry machen sie, wenn auch mit sanften Modifikationen, eigentlich noch ziemlich so wie immer.

Ein Ameisenhügel in Tennessee

Nashville sei der einzige Ort auf der Welt, an dem ein Banjospieler ein sechsstelliges Einkommen beziehen könne, hat Bob Dylan einmal gescherzt. Ob das heute noch stimmt, ist die Frage, aber gewiss träumen davon viele der Musiker, die hier täglich in den sogenannten Honky-Tonks rund um den Broadway auftreten, als Hintergrundmusik in Pizza-Schnellrestaurants oder auch nur an einer der Straßenecken vor aufgeklapptem Koffer.

Country früher: Johnny Cash
Country früher: Johnny Cash : Bild: AP

Aus einem musikalischen Witz über die Stadt, den sich die Hippies von The Lovin’ Spoonful mal erlaubten, weiß man allerdings auch, dass es hier an versierten Instrumentenzupfern nicht eben mangelt: „There’s thirteen hundred an fifty-two guitar pickers in Nashville / And they can pick more notes than the number of ants on a Tennessee anthill“, heißt es in dem Lied „Nashville Cats“. Das war respektvoll gemeint, aber es wirft auch ein Licht auf den mechanistischen Geist des Ortes: Nashville, das ist nicht nur der Inbegriff uramerikanischer Musik, sondern vor allem auch Inbegriff der Musikindustrie.

Wo diese Industrie gerade steht, davon kann man sich jedes Jahr kurz vor dem Winter einen Eindruck verschaffen. Es ist acht Uhr früh, und auf einer Bühne draußen vor der Bridgestone Arena singt ein Typ namens Luke Bryan ein Lied namens „Crash My Party“ vor einer Traube von Hunderten Teenies. Bis auf ein vorsichtig kariertes Hemd verrät nichts an ihm oder dem Song, dass es hier um Countrymusik geht, aber sein Auftritt ist der Auftakt zu ihrem kommerziell wichtigsten Event, den Country Music Awards.

Und heute: Sängerin Taylor Swift
Und heute: Sängerin Taylor Swift : Bild: dapd

Schon dieser Morgen-Gig wird im nationalen Frühstücksfernsehen übertragen, respektvoll geben die Ostküstenmoderatoren ab zu ihrer Kollegin „down in Music City U.S.A.“, und in einem Interview sagt Luke Bryan dann, welches Versprechen Nashville seit je bereithalte. Dass man hier in kurzer Zeit ganz groß rauskommen könne, weil eben alles auf einem Fleck sei: die Musiker, die Studios, die Verlage und die Produzenten. Längst gibt es mit „Chasing Nashville“ auf einem anderen Sender auch eine eigene Castingshow, die diesen Traum im Stil der zahlreichen Superstar-Drills mit Dreizehnjährigen durchspielt, indem sie ihnen ein Banjo umhängt oder sie jodeln lässt.

Bier, Trucks und Jesus

Die abendliche Zeremonie zeigt dann, dass es für den großen Country-Erfolg nicht so sehr der Originalität, vielmehr der richtigen Ausfüllung eines sehr formularisierten Genres bedarf, in dem man schon die halbe Miete hat, wenn man in einem Song die Begriffe „beer“, „truck“ und „Jesus“ unterbringt. Was man hier hört und sieht, hat mit der Vorstellung von „Classic Country“ zwischen Hank Williams und Johnny Cash nur noch sehr wenig zu tun. Wenn man die heutigen Stars wie Carrie Underwood, Taylor Swift und Eric Church nicht kennte, würde man sich eher in eine Zeitschleife wähnen: Ihre Sounds und Shows erinnern an Bombast-Rock der achtziger Jahre.

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