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Musikmesse : Die „Popkomm“ zerfällt

  • -Aktualisiert am

Die Medialounge ein Feldlazarett: die Popkomm in Berlin erschöpft Bild: REUTERS

Das auf der Popkomm konstatierte „Ende der Hitkultur“ bedeutet mehr als den Abschied von Michael Jackson und Madonna. Es bedeutet ein Leben mit unbegrenztem Zugang zu einem unendlichen Angebot: Die Nische wird zur Norm.

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          In Science-fiction-Romanen ist es ein beliebtes Motiv, reale Menschen zu Fuß in virtuellen Welten herumstolpern zu lassen: „Ach, gehen wir doch einmal diesen Link entlang“; „Huch, jetzt sind wir auf einer höheren Programmebene gelandet.“

          Verloren im Cyberspace - so ähnlich fühlte man sich an den Abenden der Popkomm in der sogenannten Festivalzentrale auf dem Gelände der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg: Die tagsüber auf der Messe abstrakt beschworene unüberschaubare Vielfalt digital verfügbarer Popmusik erscheint nun als reale Architektur aus fünf, sechs, sieben Konzertorten auf engstem Raum (über zwanzig in der ganzen Stadt), auf denen jeweils unbekannte Bands aus aller Herren Niemandsländern auftreten: Popkomm ist Myspace aus Backstein.

          Die neue Flußlandschaft des Pop ist uferlos

          Da lockt zum Beispiel eine dänische Rock-'n'-Roll-Band namens „Powersolo“, die der letzte Schrei sein soll, die leider aber viel zu weit vom restlichen Geschehen auftritt.

          Junge Leute reden ganz ungezwungen über Markteintritte
          Junge Leute reden ganz ungezwungen über Markteintritte : Bild: F.A.Z.-Foto Thiel

          Also doch lieber die nahe gelegene „Finnish Rock Night“ austesten? Im Kesselhaus spielt eine angesagte Indieband aus dem Maschinenbaumekka Aachen; der Schweizer Kritikerkollege aber hat einen nationalen Geheimtip auf der gegenüberliegenden Bühne beizutragen, während es die Weltoffeneren in die brasilianische Nacht zieht. Dort stehen sechs Sängerinnen in wallenden Ethnotrachten und mit lustigem Kopfschmuck auf der Bühne und singen zu Elektrobeats und Vogelstimmen in einer undefinierbaren Sprache. Gibt es hier etwa auch eine zentralchinesische Nacht? Da hätten wir ja gleich zu den Finnen gehen können.

          Es stellt sich aber heraus, daß es sich bei den Wallefrauen tatsächlich um ein brasilianisches Ensemble namens „Mawaca“ handelt, das echte Stammesgesänge vom Amazonas beatmäßig aufpoppt. Und jetzt? Den ultimativen Geheimtip ausprobieren und einer noch nicht einmal im Programm aufgeführten Band namens „Shitdisco“ ins „White trash“ folgen? Oder lieber heim, da am nächsten Tag noch die norwegische Nacht, das „Preview Scotland“ und die „Kick it like Canada“ warten? Mainstream war gestern, die neue Flußlandschaft des Pop ist uferlos.

          Jedem sein eigenes kleines Publikum

          Kein Buch hat die Branche in letzter Zeit so beschäftigt wie Chris Andersons „The Long Tail. Why the Future of Business Is Selling Less of More“. Darin vertritt der „Wired“-Chefredakteur die These, daß bislang ökonomisch irrelevante Nischenprodukte in der Epoche von Google, Ebay, I-Tunes und Myspace zum relevanten Faktor werden.

          Bestseller, Blockbuster und Mega-Hits verlieren an Bedeutung; während das neue, unbegrenzte Angebot auf ebenso unbegrenzte Nachfrage stößt - das ist der „lange Schwanz“ der Verkaufskurve. Von den etwa eine Million Songs bei Apples I-Tunes werden 98 Prozent tatsächlich mindestens einmal von irgendwem auf der Welt auch heruntergeladen. Die Popkomm war eine eindrucksvolle Versinnbildlichung dieser These: Stars gab es kaum; dafür gut zweitausend Einzelkünstler, von denen jeder auf ein - wenn auch noch so kleines - Publikum stieß.

          Von der Bedeutung des Kühlschranks

          Auf dem Messegelände am Funkturm bot sich das gleiche Bild. Die in drei kleinen Hallen untergebrachten Stände waren zwar oberflächlich leicht überschaubar, ließ man sich jedoch auf das Angebot der neben den großen Plattenfirmen und MTV dominierenden Länderstände ein, stand man wieder wie der Ochs vorm Schallplattenberg.

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