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Musikindustrie : Wenn Musik verwässert

Ohne Label verschwindet die Musik im Meer der Orientierungslosigkeit Bild: F.A.Z.-Kat Menschik

Plattenlabel filtern Geschmack. Bleibt das auch so, wenn Musik ins Netz geht? Konsumenten bewerten und sortieren hier Musik in Manier der Mund-Propaganda. Geschmack wird so abgeglichen und eingepasst in den Strom der Masse.

          Früher, als noch mehr fotokopiert wurde, wäre das ein schöner Titel für ein Punk-Heftchen gewesen: „It's Not the Band I Hate, It's Their Fans“. In Wirklichkeit ist es der Titel eines Blogs im Internet, und so lustig er auch klingt: Die Seite selbst ist nichts Besonderes.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ihr Autor „Quadb“ - der also nicht die Band, sondern nur ihre Fans hasst - schreibt von Toronto aus über neue Popmusik, über Feist und Daft Punk und Interpol und einen Haufen unbekannterer Bands, die ihm gefallen und deren Lieder er auf seiner Seite als MP3 einstellt.

          „Quadb“ verlinkt auch zu Plattformen wie My-Space oder Flickr, falls seine Leser mehr lesen oder sehen wollen, bittet sie aber zugleich, die Musik der Bands regulär zu kaufen. „It's Not the Band I Hate, It's Their Fans“ wäre also nur einer von Abertausenden Popmusik-Blogs - würde sein Titel nicht einer typischen Organisationsform im Internet den Boden entziehen: der Fan-Basis.

          Music-Map.de: homogenisierter Geschmack der Masse

          Kundschaft wird zum Geschmacksstifter

          Denn es sind Fans wie „Quadb“, die seit langem schon die Verbreitung von Musik im Internet in die Hand genommen haben. Fans stellen für andere Fans MP3-Dateien ein, brennen anderen Fans CDs, empfehlen, raten ab, vermarkten.

          Jahr für Jahr bricht deswegen der Umsatz der Musikindustrie ein bisschen weiter ein, auf jeden legal heruntergeladenen Tonträger kamen im Jahr 2006 vierzehn illegale. Die Plattenlabel, die eigentlich für Orientierung auf dem Musikmarkt sorgen wollen, die eine Schneise schlagen, Marken setzen, wissen so recht noch nicht, mit dieser neuen Situation umzugehen - ihre Kundschaft könnte sie nämlich am Ende arbeitslos machen: nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als Geschmacksstifter.

          Wer sortiert jetzt?

          Diesen Paradigmenwechsel umschreibt der bekannte Hinweis „Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch diese Artikel angesehen“ ziemlich treffend: Wer Coldplay hört, kauft auch Keane und findet am Ende die Editors toll. Er kauft also immer die gleiche Gitarrenklaviermusik in leichter Ableitung.

          Die Website „Lastfm.com“ spricht von nichts weniger als einer „sozialen Revolution der Musik“: Gemeint ist in beiden Fällen, dass der Geschmack anderer Leute den Weg zur nächsten Entdeckung weist. Kein Label, keine Marke, kein Etikett sortiert mehr Musik vor, es ist eine reine Mehrheitsentscheidung, Basisdemokratie, was die Geschmacksrichtung vorgibt - und Musik verortet.

          „Experiment der künstlichen Intelligenz“

          Zum Beispiel auf „Music-Map.de“: Dort gibt man den Namen einer Band ein und erhält ein Geflecht weiterer Namen, die mal näher, mal weiter voneinander entfernt stehen. Bei Wir sind Helden reicht das von deren Epigonen Silbermond bis zur Chansonsängerin Carla Bruni, von den empfindsamen Supertramp bis zur übersexualisierten Bloodhound Gang.

          Die Seite, so behauptet das Impressum, „ist ein Experiment der künstlichen Intelligenz und lernt selbständig, für wen was interessant sein könnte“ - indem sie ihre Besucher anfangs nach drei Lieblingsbands fragt und dann durch eine Kette ähnlicher Bands lotst, die geknüpft wurde von anderen Besuchern und deren Vorlieben.

          Es werden nur ähnliche Lieder gespielt

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