https://www.faz.net/-gqz-wgwn

Musikindustrie : Mit dem Schampus ist jetzt Schluss

  • -Aktualisiert am

Bei EMI unter Vertrag: Kylie Minogue Bild: ASSOCIATED PRESS

Die Musikindustrie stirbt einen Tod auf Raten. Der kriselnde Musikkonzern EMI hat einen radikalen Sparkurs angekündigt. Vor allem die Marketing-Budgets sollen zusammengestrichen werden. Das ist an Absurdität kaum zu übertreffen.

          Bekannt ist, dass die Musikindustrie einen Tod auf Raten stirbt. Neu ist, dass sie dabei selbst Hand an sich legt. Die neuesten Entwicklungen beim traditionsreichen britischen EMI-Konzern tragen schon Züge von Verzweiflungstaten. Seit dem vergangenen Sommer gehört die EMI, die etwa Stars wie Robbie Williams, Norah Jones, Kylie Minogue oder Coldplay unter Vertrag hat, dem Beteiligungsunternehmen Terra Firma.

          Dessen Chef Guy Hands hat nun angesichts desaströser CD-Verkaufszahlen - im amerikanischen Weihnachtsgeschäft hat die gesamte Branche etwa ein Fünftel Umsatz eingebüßt - einen radikalen Sparkurs angekündigt. Neben den angeblich überhöhten Tantiemen einzelner Künstler, die die Erwartungen nicht erfüllen, sollen vor allem die Marketing-Budgets zusammengestrichen werden.

          Hauptfunktionen der Plattenfirmen sind überflüssig

          Das ist an Absurdität kaum zu überbieten. Denn wozu braucht man eigentlich überhaupt noch die großen, schwerfälligen Apparate der Musikindustrie? In ihrer klassischen Phase, den siebziger Jahren, hatten Plattenfirmen vier Hauptfunktionen: die Entdeckung neuer Künstler (die sogenannte „Artists & Repertoire“ oder kurz A&R-Abteilung), die Produktion im Studio, schließlich Vertrieb und Marketing. Um neue Musiker zu entdecken, bedarf es heute nur noch einiger Mausclicks. Auf den Plattformen des Web 2.0 findet heute jeder Fan mehr Musik seiner Geschmacksrichtung, als er je hören kann, und die einst Halbgöttern ähnelnden A&R-Manager hecheln nur noch hinterher.

          Pete Doherty wird von EMI vermarktet

          In Zeiten, da Hits im Schlafzimmer irgendwelcher Soundbastler produziert werden, fallen teure Studios ebenfalls kaum mehr ins Gewicht, und den Vertrieb organisiert heute selbst der letzte Hippieklampfer über die eigene Homepage - oder eben, wie der frühere EMI-Künstler Paul McCartney, über die längst zum Lifestyle-Markt avancierte Kaffeekette Starbucks.

          Am falschen Ende sparen

          Das Einzige, das Major Labels wie EMI den vielen kleinen, musikalisch oft viel spannenderen Plattenfirmen noch voraushaben, ist ja gerade der gigantische Marketing-Etat, mit dem auch Durchschnittsware in den Markt gepumpt werden kann - sei es über die üblichen Werbekanäle oder durch indirekte Einflussnahme, die der Bestechung nahekommt, etwa exklusive Pre-Listening-Reisen für Journalisten oder die durch entsprechende Anzeigenschaltung gekauften Titelgeschichten in der Fachpresse. Jetzt also keinen Schampus mehr? Keine Medienoffensiven für aufgeblasene Comebacks wie bei den Spice Girls (eine weitere, ziemlich abgemagerte EMI-Cash-cow)? Diese Diät-Strategie ist überaus riskant, weil sich die EMI-Künstler zukünftig ohne das übliche Werbetrommelfeuer tatsächlich auf ihre Kunst verlassen müssen. Da könnte mancher Kaiser plötzlich ohne Kleider dastehen.

          Vielleicht meinte Guy Hands seine vielkritisierte Schelte „fauler Künstler“, denen er den Rauswurf androhte, ja ganz anders. Vielleicht soll es ja tatsächlich wieder um die Qualität von Musik gehen anstelle von Klingeltönen, Kopierschutzvorrichtungen und neuen, schicken Download-Portalen, die ohnehin keiner braucht? Sollte die Heuschrecke tief im Herzen gar ein junger Indie-Hüpfer sein? Es wäre zu schön. Wahrscheinlich ist Hands einfach genauso ratlos wie der Rest der Branche und will das Elend nicht mehr länger mitansehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.