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Musikindustrie : Das Ende vom Lied

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Als sich der Plattenteller noch drehte: Popkomm-Party im Jahr 2007 Bild: dpa

In diesen Tagen hätte die Popkomm in Berlin stattfinden sollen, die wichtigste Musikmesse auf deutschem Boden. Sie wurde abgesagt, aber das Bedauern darüber hält sich in Grenzen. Streifzug durch eine Branche, die im Bewusstsein lebt, sich auf sparsame Zeiten einrichten zu müssen.

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          Wir würden uns dann, hatte der Mann noch gesagt, am Vogelgehege treffen. Man kommt sich vor wie in einem Spionagefilm, macht sich an einem gewittrigen Spätsommertag auf in die Schweiz, nach Zug in der Nähe von Zürich, läuft vom Bahnhof aus zum See, dort am linken Ufer entlang und sieht dann auch ganz richtig und wie vom Informanten beschrieben das Gehege, in dem exotische Vögel zu sehen sind. Die letzten ihrer Art? Das würde passen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Mann kommt Minuten später als verabredet und spricht in sein Handy hinein. Es fallen die Namen „Steve Blame“ und „Ingrid Steeger“. Steve Blame war einmal ein sympathischer Moderator bei MTV mit einem so obszön aussehenden Oberlippenbart, dass er dafür mit einem nicht zitierfähigen Namen bedacht wurde. Ingrid Steeger ist noch allgemein bekannt. Der Mann stellt das Handy ab und breitet, wie um die prinzipielle Unwägbarkeit solcher Verabredungen anzudeuten, die Arme aus. Er sagt, er komme einen Tick zu spät, weil er ein anderes Vogelgehege, gleich in Sichtweite, gemeint habe. Ein harmloses Versehen also.

          Der Mann ist seit zehn Jahren raus aus dem Geschäft. Man sieht seinem Gesicht an, dass er gerne gut lebt, aber auch weiß, was harte Arbeit ist. „Gott sei Dank“ sei er damals „noch freiwillig“ gegangen, wie er mit offenbar noch nachwirkender Erleichterung sagt. „Andere sind ja entfernt worden.“ Die bekanntesten sind Tim Renner von Universal und Thomas M. Stein von BMG. Jahre später gab es noch einmal eine Anfrage, ob er nicht zurückkommen wolle. Nee, habe er gesagt, sich dann aber doch geschmeichelt gefühlt, und so wurde er, der von 1989 bis 1998 Präsident und Vorstandsvorsitzender von EMI Music Deutschland, Schweiz und Österreich gewesen war, 2005 bis 2007 noch einmal Chairman. „Da wusste ich wieder, warum ich vorher die Reißleine gezogen hatte.“

          Helmut Fest ist heute sechzig Jahre alt und einer der wenigen, die sich überhaupt über die Musikindustrie äußern wollen. Die meisten wiegeln schon am Telefon ab: „Was wollen Sie? Auf keinen Fall.“ Man will es sich mit niemandem verderben und kann vermutlich auch die ewig gleichen Fragen nicht mehr hören: was die Musikindustrie alles falsch gemacht oder verschlafen habe, ob CDs nicht doch viel zu teuer sind und wie man gedenke, mit den Umsatzeinbrüchen fertig zu werden.

          Der Umzug als Anfang vom Ende

          In diesen Tagen hätte die Popkomm in Berlin stattfinden sollen, die wichtigste Musikmesse auf deutschem Boden. Sie wurde abgesagt, aber das Bedauern darüber hält sich in Grenzen. Es handelte sich zuletzt sowieso nur noch um eine Party, bei der sich die Katerstimmung nicht erst hinterher einstellte. Dieter Gorny, der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie, der einst Viva mit aus der Taufe hob, begründete die Absage mit der wirtschaftlichen Situation. Das war verständlich. Lachhaft wurde es aber, als er nachschob, schuld an der Absage seien die illegalen Downloads. Wenn das stimmt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Frankfurter Buchmesse mit dem Hinweis auf Google abgesagt wird. Was „der Dieter“ da gesagt habe, sei, „halten zu Gnaden, Humbug“, sagt Fest und bestenfalls als politische Äußerung zu verstehen.

          Für Fest wie für andere war der Umzug der Popkomm von Köln nach Berlin der Anfang vom Ende. Dabei kann er das vielleicht nicht ganz objektiv beurteilen: „Sie müssen wissen: Ich bin Kölner.“ Das hört man. Der tiefe und doch biegsame Singsang erinnert an den seligen Trainergott Hennes Weisweiler. Wenn Fest „LP“ sagt, betont er das auf der ersten Silbe.

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