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Musikfilme auf der Berlinale : Blinde Gefolgschaft

Verwackelte Bilder: „Bananaz” Bild: Berlinale

Die Rolling Stones, Patti Smith, Neil Young und die Gorillaz: Die diesjährige Berlinale sollte auch ein Fest des Musikfilms werden. Doch die meisten Werke enttäuschten - und wurden dennoch bejubelt.

          3 Min.

          Es gebe nun einen Film, der erst am vergangenen Freitag fertig geschnitten und am Montag eingeflogen worden ist. So berichtete es Ceri Levy, Regisseur von „Bananaz“, einer Dokumentation über die britische Rockgruppe Gorillaz, bevor sein Film gezeigt wurde. Wie allerdings bereits am Sonntag eine erste Aufführung von „Bananaz“ in Berlin hatte stattfinden können, bleibt Levys Geheimnis. Vermutlich nahm er die Sache so locker wie Damon Albarn und Jamie C. Hewlett, die beiden Köpfe hinter den Gorillaz, die sich bierflaschenbewehrt neben Levy immerhin zu dem Satz „Hoffentlich langweilen Sie sich nicht“ durchringen konnten, ehe beide auf Nimmerwiedersehen im Berliner Nachtleben verschwanden. Man hätte gewarnt sein und sie begleiten sollen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Bananaz“ ist Abschluss und zugleich auch Tiefpunkt des Reigens von Musikdokumentationen, die auf der Berlinale zu sehen sind. Dabei hätte es einiges zu erzählen gegeben. Schließlich bestanden die Gorillaz anfangs rein virtuell: als Quartett aus Zeichentrickfiguren, deren Persönlichkeiten von wechselnden Musikern und Synchronsprechern ausgefüllt wurden - einzige Konstante waren vom Jahr 2000 an die Zeichnungen des Comiczeichners Hewlett und die Stimme von Albarn, der bereits als Sänger von Blur weltberühmt war. Doch was tut Levy? Er hat sich einen Witz erlaubt: eine anderthalbstündige Nummernrevue aus den Studios und Garderoben. Es werden Zoten gerissen, Hintern entblößt und Toiletten aufgesucht. Dazwischen bastelt man an einigen Songs und albert herum. Vom Selbstverständnis der Band dagegen und ihrem Aufstieg erfährt man nichts.

          Neunhundert Stunden in sechs Jahren

          Neunhundert Stunden Film hat Levy als sein eigener Kameramann in sechs Jahren aufgenommen, und ein weiteres Jahr brauchte er, um daraus die neunzig Minuten von „Bananaz“ zu extrahieren. Am Schluss treten die Gorillaz zum ersten Mal nicht mehr hinter einer Leinwand auf und lösen ihr ohnehin längst durchbrochenes Incognito auf. Das Problem ist nur: Über diese Konzerte von 2006 gibt es bereits einen Film - „Gorillaz live in Manchester“, ein elegantes dokumentarisches Kunststück. Levy dagegen bietet überwiegend verwackelte, bisweilen auch künstlich durch Schrammen und Staubpartikel gealterte Bilder.

          Nicht bewegend: „Patti Smith: Dream Of Life”
          Nicht bewegend: „Patti Smith: Dream Of Life” : Bild: Berlinale

          Nach demselben Prinzip geht Steven Sebring vor, ein amerikanischer Modefotograf, der elf Jahre lang Patti Smith begleitet hat. Auch sie war nach Berlin gekommen, um den daraus entstandenen Film „Dream of Life“ vorzustellen, und sie tat es nach frenetischem Begrüßungsapplaus vor der Aufführung mit dem Satz „Eigentlich könnten wir jetzt alle nach Hause gehen“. Rockstars sprechen die Wahrheit. Was danach zwei Stunden lang folgte, war nicht ganz so belanglos wie „Bananaz“, dafür aber doppelt so manieriert: jede Szene gut für ein Dutzend Standbilder, die sich in einem Fotoband prachtvoll gemacht hätten, aber kaum eine wirklich bewegt und schon gar nicht bewegend. In verfallender Schönheit stillgestellt blitzt die Faszination von Patti Smith nur auf, wenn Sebring einige ihrer Spoken-Word-Performances ungeschnitten zeigt: gesprochenes Dynamit. Doch dann sind wir wieder in unaufgeräumten Garderoben oder auf geradezu nekrophilen Spaziergängen über Friedhöfe.

          Der Zorn des Neil Young

          Somit war ausgerechnet derjenige Musikfilm, der schon ganz am Anfang, am Tag nach Martin Scorseses Rolling-Stones-Vehikel „Shine a Light“, seine Premiere hatte, der ansonsten beste der Berlinale: „CSNY: Déjà vu“. Gedreht wurde er von dem Mann, der auch hinter dem Comeback des legendären amerikanischen Quartetts Crosby Stills Nash and Young stand: Neil Young firmiert als Filmemacher zwar unter Bernard Shakey, doch der Zorn, der in die Bilder eingeflossen ist, trägt unverkennbar seine Handschrift. Er hatte seine drei Freunde 2006 noch einmal versammelt, um auf einer Tournee gegen die amerikanische Besatzung des Iraks zu protestieren. „CSNY: Déjà vu“ dokumentiert diese Reise; der Titel verdankt sich einem alten Lied der Band und dem Gefühl der Mitglieder, noch einmal durchleben zu müssen, wogegen sie schon zu Zeiten von Vietnam musikalisch protestiert hatten.

          Die Aufspaltung des amerikanischen Konzertpublikums in Fans und Patrioten hat man im vergangenen Jahr schon in „Shut Up and Sing“ sehen können, der Dokumentation über die Dixie Chicks. Aber Neil Young hat seinen Film im Stil der eigenen Website gestaltet, als bittere Parodie auf amerikanische Zeitungen und Nachrichtensender. Unter der Musik laufen Bilder aus dem Irak, und als Erzähler fungiert Mike Cerre, ein Journalist, der als eingebetteter Reporter auch die amerikanischen Truppen nach Bagdad begleitet hat. Danach hatten Crosby Stills Nash and Young ihn auf ihrer Tournee eingebettet, und was er aufspürt, ist ungleich interessanter als Levys oder Sebrings Beobachtungen, weil hier ein Branchenfremder ganz genau hinsieht.

          Es gab weitere Musikfilme, erstaunliche wie Matt Wolfs „Wild Combination“, ein kleines Porträt des 1992 mit nur vierzig Jahren an Aids gestorbenen Komponisten Arthur Russell, und konventionelle wie „Heavy Metal in Baghdad“ über die einzige irakische Hardrock-Band. Keiner hat so enttäuscht wie die hochgehandelten „Bananaz“ und „Dream of Life“. Keiner wurde aber auch in den Kinosälen so bejubelt. Es ist trist, wenn blinde Gefolgschaft zu einem Star alle ästhetischen Kriterien bei der Filmbetrachtung überlagert.

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