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Musik : Walküre, trag mich davon

Lärmspeiender Rachendrachen: Veronica Freeman Bild: Locomotive

Harte Rockmusik, die zum Himmel schreit: Die Metal-Band „Benedictum“ um die zornbebende Frontfrau Veronica Freeman schöpft aus dem Fundus von Christentum und Hexenwesen.

          6 Min.

          Wenn wir Normalsterblichen unter Reizhusten leiden, lutschen wir Kräuterbonbons. Wenn Veronica Freeman, die Sängerin der amerikanischen Heavy-Metal-Band „Benedictum“, solche Probleme hat, nimmt sie zum selben Zweck glühende Kohlen.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Lustig? Von wegen: Erst spricht eine molchige Vorlesestimme rückwärts was Böses, dann führt uns eine Klaviertastentreppe nach tief unten in den Keller, und schließlich brüllt Frau Freeman sich warm - die ersten Hauptwörter, die sie singt, heißen „pain“, „darkness“ und „soul“, denn hier geht's nicht um Engtanz oder Heiterkeit, sondern um Schwere, Finsternis und die Tugenden, die man braucht, sie auszuhalten.

          Wer Veronica Freeman dabei zugehört hat, wie sie zornbebend „The fear in the night! The fear in the night!“ kläfft oder dem gesichtslosen Frauenhasser in der Menge mit dem Feuer ihrer Lungen die Frisur versengt - „You want me on my knees! You think that women are only there to please you!“- , wird diesen lärmspeienden Rachendrachen nicht nur achten, sondern bei geschultem Gehör sowie ausreichendem Wissen darüber, wie Heavy-Metal-Musik funktioniert und wozu man sie braucht, mit Recht bewundern, vielleicht sogar ein bißchen lieben (nicht zu arg; Respekt fordert Abstand).

          Sie weiß, daß Schmerz auch weh tun kann
          Sie weiß, daß Schmerz auch weh tun kann : Bild: Locomotive

          Harte Rockmusik erträgt nicht jeder

          Geschultes Gehör, ausreichendes Wissen: das darf man leider nicht voraussetzen. Der Kontext, aus dem Frau Freeman herausragt, ist nicht so geläufig, wie er sein sollte. Hand aufs Hirn: Kennen Sie „Iced Earth“? Sagt Ihnen der Name „Savatage“ etwas? Wie steht's mit „Armored Saint“? „Chastain“? Wenn Sie Ihr Rockwissen aus dem Feuilleton, aus gängigen Stadtzeitschriften oder Kopfhörermagazinen für den gehobenen Studentengeschmack beziehen, dann haben Sie von diesen Leuten vermutlich noch nie etwas gelesen, geschweige gehört.

          Denn die auf den Lehrstühlen der Qualitätspresse installierten Pop-Hermeneutiker (fast ausschließlich Männer übrigens) ertragen harte Rockmusik im allgemeinen nur dann, wenn sich entweder irgendein Aspekt von Camp, Uneigentlichkeit und Humor hineininterpretieren läßt („The Darkness“), ein paar nachweislich aus dem korrekten Alternative-Rock-Kosmos migrierte Künstler beteiligt sind („Probot“), dem Krach genug reduktionistische Punk-Trockenheit unterlegt ist („Ramones“), die Mode es verlangt (das gesamte „Nu Metal“-Genre) oder eine Aufladung mit lizenzpflichtigen linksliberalen Anliegen stattgefunden hat („Rage Against The Machine“).

          Christentum und Hexenwesen

          Draußen bleiben muß also erstens alles, was zwar mit Ernst, aber ohne Hipster-Gewerbeschein auftritt - Ernst meint hier: Beethoven für E-Gitarren instrumentieren („Savatage“), den amerikanischen Bürgerkrieg als Hard-Rock-Oper aufführen („Iced Earth“), ganz schnell und trotzdem so gerade noch sinnvoll Gitarre spielen („Chastain“) oder den semiotischen Fundus des Christentums und des Hexenwesens zu Spektakelzwecken beleihen („Benedictum“) - und zweitens alles das, was sich jenseits von Gut und Böse, seinen eigenen Formgesetzen gehorchend, ins Abwegige und Besondere entwickelt, ohne auf popjournalistisches Verständnis lange warten zu wollen („Melvins“, „Fantomas“).

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