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Streaming : Die Seele der Musik stirbt

Sind Schallplatten bald nur noch ein Nostalgieobjekt? Bild: dpa

Jede Platte ein Fund, das ist vorbei. Streaming macht alles allgegenwärtig. Was bringt das zum Klingen? Eine Spurensuche in Frankfurt und Nashville.

          6 Min.

          Der Singlekoffer steht im Wohnzimmer. Schwarz, rund dreißig Zentimeter breit, zwanzig Zentimeter tief, fünfzehn Zentimeter hoch. Platz für vielleicht hundert Vinylsingles. Mehr braucht Matthias Westerweller an diesem heißen Sommertag nicht. Bei 35 Grad wird er die kleine Fläche vor einem Schallplattenladen im Frankfurter Nordend beschallen. Rund vier Stunden lang – im pingpongartigen Wechsel mit einem Freund. „Single Day“ heißt die Veranstaltung. Vinylplatten, Nudelsalat und kalte Getränke, Westerweller weiß genau, was er auflegen muss. „Heute ist ein einfacher Termin“, sagt der 47 Jahre alte DJ. Er ist seit einem Vierteljahrhundert aktiv. Leichte Musik, die zum Quatschen und leichten Hüftschwung anregt, ist diesmal gefragt.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das Ritual, das er aufführt, ist in der freien musikalischen Wildbahn kaum noch zu beobachten. Der Harry-Nilsson-Fan lebt in Frankfurts alternativstem Stadtteil. Zwei seiner vier Zimmer dominiert das „schwarze Gold“. Die obligatorischen Technics-Plattenspieler stehen vor dem Fenster, ein silberner Singleschrank, LPs auf drei mal zwei Metern im Schlafzimmer, auf dreieinhalb mal zwei Metern im Wohnzimmer. Das Ordnungsprinzip: alphabetisch innerhalb der Genres Jazz, Soul und Blues. Gitarrenmusik hat er neuerdings nach Ländern geordnet. Vor den Regalen stapeln sich „Auflege-Platten“, die er zuletzt auf Partys gespielt hat: Wu Tang Clan, „Dreadlock Holiday“ von 10cc, in den Regalen bleibt der flüchtige Blick an Boxsets von Fela Kuti, Joanna Newsom und Steve Reich hängen: Afro Funk, Freak Folk, Minimal Music. Den Musikverständigen auf eine Richtung festzulegen ist bei mehr als 10.000 Tonträgern unmöglich. „Ich mag keine Beschränkungen“, sagt er.

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          Mit dem Laptop aufzulegen ist unsexy

          Das ist bei Westerweller nicht anders als bei den Musikfanatikern, die in der digitalen Welt zu Hause sind, auf iTunes Songs sammeln, über Spotify Listen zusammenstellen oder sich auf das neue Abenteuer Apple Music einlassen. Digitaler Musikkonsum ohne Tonträger wird immer bedeutender. Noch machen physische Speichermedien wie CDs, LPs und DVDs drei Viertel des deutschen Musikmarkts aus, doch Downloads und Streaming holen auf. Eigentlich kann jeder jederzeit eine Musiksammlung wie Westerweller haben, überall, ohne Platzbeschränkung. Und doch ist etwas anders. Schwer zu sagen, was die Allzeit- und Überallverfügbarkeit mit der Musik macht. Und was sie an ihr kaputt macht.

          Das Sammeln von Tonträgern gehört wohl der Vergangenheit an.
          Das Sammeln von Tonträgern gehört wohl der Vergangenheit an. : Bild: Kai Nedden

          Beim Durchblättern seiner Single-Schubladen ist Westerweller gerade bei „G“ angekommen. Er greift „Brand New Revolution“ von Guts heraus, ein leichter Sommergroove aus Frankreich. Mit dem Stück wird er später seinen DJ-Set beginnen. „Ich arbeite den ganzen Tag mit dem Computer. Mit dem Laptop aufzulegen ist einfach unsexy“, sagt er. Die Selektion, die genaue Vorbereitung, das gehöre zur Rolle des DJs dazu. „Hier ist ein Fund, bei dem ich zu zittern begonnen habe“, sagt er auf einmal und hält „I Had too Much to Dream“ von der amerikanischen Psychedelic-Band Electric Prunes hoch. „Habe ich in einer Kiste auf einem Flohmarkt im Taunus mit zwei anderen Singles entdeckt.“ Schweißausbruch, die bange Frage nach dem Preis: „Ein Euro das Stück“, habe der Verkäufer verlangt und dem DJ beinahe den Boden unter den Füßen weggezogen. „Man knüpft eine Geschichte an seine Platten. Schon wenn ich eine Aufnahme in Hongkong bestelle, ist das ganz anders, als wenn ich in der Provinz von Arizona einen Riesenladen entdecke und wacklige Knie bekomme.“

          Heute finde man alles mit wenigen Klicks

          Amerika ist das historische Zentrum der Popmusik: Hier entstanden der Blues, der Soul, der Rock’n’Roll. Auch Nashville ist voll von Geschichte - ein Ort, an dem man der Musik nur schwer ausweichen kann. Der Broadway: eine lange Gasse voller Glitzerlicht und bärtigen Klampfbarden. Die Grand Ole Opry: das Pantheon der Countrymusik. Die Innenstadt ist gepflastert mit Pilgerorten für Musikfans: eine Country Music Hall of Fame, ein Johnny-Cash-Museum, riesige Konzertsäle. Der Weg zu Peter Guralnick führt über den Campus der Vanderbilt-Universität. Saftige Wiesen, Backsteingebäude, in denen Seminare stattfinden. Guralnick hat einige der besten Bücher über Popmusik geschrieben: „Sweet Soul Music“ etwa, die Geschichte eines Genres, und die tiefgründigste Elvis-Biographie auf dem Markt. Hier an der Uni bereitet der 71 Jahre alte Publizist in einem fensterlosen Raum Schreibseminare vor. Ohne sie könnte er sich seine Musikprojekte, denen er aus Leidenschaft nachgeht, nicht leisten.

          Wahrlich kein Ort der Stille: In Nashville treffen sich Vergangenheit und Zukunft der Popmusik.
          Wahrlich kein Ort der Stille: In Nashville treffen sich Vergangenheit und Zukunft der Popmusik. : Bild: Jon Hicks/Corbis

          „Als Jugendlicher habe ich mit einem Freund angefangen, Blues-Schallplatten zu sammeln“, erzählt er. „Wir gingen in die Plattenläden, hörten die Aufnahmen und suchten nach den besten Lightning-Hopkins-Platten – nicht den wertvollsten, sondern den ästhetisch überzeugendsten.“ Heute finde man alles mit wenigen Klicks. Auch das sei eine aufregende Erfahrung, aber Guralnick fragt sich, wie sehr das den Prozess des Entdeckens und die Sache an sich entwerten. „Es ist die Reise, nicht die Ankunft, die zählt. Für viele Leute gibt es keine Reise mehr. Sie sind einfach da. Alles liegt unter ihrer Fingerkuppe. Das zersetzt aus meiner Sicht die Idee von Freiheit und Wahl.“

          Um von Guralnicks Büro ins Herz der Countrymusikindustrie vorzustoßen, braucht man zehn Minuten mit dem Auto. In der Music Row reihen sich Produktionsstätten, Plattenfirmen und Agentenbüros. Nashville ist nach New York und Los Angeles der mächtigste Ort der amerikanischen Musikkultur. Hierhin zog es eines ihrer derzeit größten Erzeugnisse schon im Alter von elf Jahren: Taylor Swift. „To Apple, Love Taylor“ hat die Popsängerin jüngst einen elektronischen Brief an den Elektronikkonzern überschrieben. Er machte weltweit Furore und brachte Apple von der Idee ab, während der drei Gratismonate, die es Neukunden seines Streamingdiensts gewährt, keine Tantiemen an Künstler auszuzahlen.

          Sie brachte Apple zum Umdenken: Die Sängerin Taylor Swift 2015 bei einem Konzert in Köln.
          Sie brachte Apple zum Umdenken: Die Sängerin Taylor Swift 2015 bei einem Konzert in Köln. : Bild: dpa

          Zunächst schmierte die 25 Jahre alte Sängerin dem Konzern Honig um den Bart, wie innovativ dieses „unglaubliche Unternehmen“ sei. Dann aber die Keule: „Wir bitten euch nicht um gratis iPhones, bittet uns also nicht, euch Musik ohne Vergütung zur Verfügung zu stellen.“ Der Schlag saß: Millionen verkaufte Platten, 72 Millionen Facebookfans bedeuten Macht im Showbusiness.

          Was haben die Musiker vom Streaming?

          „We hear you @taylorswift13 and indie artists. Love, Apple“, schrieb Apple-Manager Eddy Cue daraufhin auf Twitter zurück. Damit fiel die Idee, Künstler während der Probemonate leer ausgehen zu lassen. Apple hatte etwas fürs Kultimage getan: die coolsten Produkte, die besten Designs, die verständigsten Manager.

          „Streaming wäre ja toll, wenn es gut bezahlt wäre“, sagt Ekimas, Bassist und Produzent der „Erdmöbel“, einer der spannendsten zeitgenössischen deutschen Popbands. „Die Leute sagen, es wurde noch nie so viel Geld für Musik ausgegeben wie durch Streaming. Das ist mir aber egal, wenn es nicht beim Musiker ankommt.“ Das jüngste Album seiner Band habe etwa genauso viel Resonanz über Streaming wie über physische CDs erhalten. Die Einnahmen dagegen lagen weit auseinander: Die CD-Verkäufe reichten so eben, um die Produktion zu finanzieren, vom Streaming blieb ein Kleckerbetrag übrig. Dabei gehört den Musikern durch ihr eigenes Label ihre Musik ganz allein – anders als vielen anderen.

          Der USB-Stick als DJ-Ausrüstung

          „Viele Musiker sind so intelligent, dass sie auch etwas ganz anderes machen könnten. Viele nehmen schon jetzt finanzielle Einbußen in Kauf“, sagt Ekimas. Er sieht die Kunst bedroht. „Der Nachwuchs wird nicht mehr Musik machen können“, befürchtet er. Große Stars werde es weiterhin geben, auch Singleaufnahmen von Casting-Musikern. Aber der kreative Mittelstand, zu dem er sich zählt, werde wegbrechen. Aufwendige Produktionen könnten bald der Vergangenheit angehören. „Wenn es existenziell wird, kann man nur noch auf Demo-Level aufnehmen.“

          Ein Mittwochabend in Frankfurt: Durch das Börsenparkhaus hindurch geht es auf einen roten Teppich zu. Im böigen Wind flattert eine Piratenfahne. Am Pool hat sich noch niemand niedergelassen, es hat gegenüber den Vortagen deutlich abgekühlt. Von der Long Island Summer Lounge geht der Blick auf die Skyline. Kellner versorgen die wenigen Gäste mit Cocktails. DJ Le Alen bereitet sich auf seinen Gig vor. Neben ihm steht eine kleine schwarze Tasche. Zwei Kopfhörer, ein Dutzend USB-Sticks. Der Inhalt der zwei Plattenregale und des Singleschranks von Matthias Westerweller passen in ein Behältnis von der Größe eines Kulturbeutels. Le Alen, der eigentlich Ersan Alen Salik heißt, kann jederzeit, überall auflegen. „Das ist so leicht: runterladen, auf den Stick drauf, fast alle Clubs haben USB-Player“, sagt der House-DJ. „Ich bereite mich nicht mehr vor, sondern gehe nach der Crowd.“ Er wählt aus 20.000 bis 30.000 Tracks. Anders als Westerweller kann er sich nicht vergreifen.

          Le Alen gehört zu einer anderen Generation. 28 Jahre, nur in den ersten Jahren hat er CDs verwendet. Heute tummelt er sich zweimal die Woche auf House-Foren im Internet, um Musik zu saugen. Plötzlich wird er nostalgisch: „Die Kommunikation geht verloren“, sagt er. Früher hätten sich DJs in Plattenläden getroffen und über Musik gesprochen. „Früher hatten die DJs Groove, die wussten mit ihren Geräten umzugehen.“ Heute sei jeder Zweite DJ, die Qualität sei weg, die Preise für Gigs seien im Keller. „Die Kids interessieren sich überhaupt nicht mehr für die Materie.“ Bei vielen Partys könne er nur noch Hits auflegen, alles Unbekannte komme nicht an. Dann steckt er seinen Stick in den Player, setzt den Kopfhörer auf und dreht ein Rad, bis der Track erscheint, mit dem er seinen Gig beginnt. Auf einer Großleinwand läuft „Fashion Television“. Auf den Loungesesseln sitzt eine Gruppe junger Leute und unterhält sich. Zwei Frauen wippen leicht zum Rhythmus. Eine Discokugel dreht sich. Die Musik verweht wie ein Hauch im Wind.

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