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Musik : Der Unberührbare - Van Morrison wird sechzig

  • -Aktualisiert am

Die Stimme als Instrument: Van Morrison Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Sein Meisterwerk „Astral Weeks“ gehört zum Heiligen Gral der Popmusik. An diesem Mittwoch wird der Musiker Van Morrison, dessen Magie in der Synthese aus Spiritualität und Ekstase liegt, sechzig Jahre alt.

          Damit sich nachfolgende Generationen einen Begriff von seinem Meisterwerk machen konnten, ließ die Plattenfirma irgendwann ein Magazin-Zitat drucken: „If you don't like Van Morrison, perhaps you come from another planet?“ Es war eher so, daß Van Morrison von einem anderen Stern kam - ein Eindruck, der von „Astral Weeks“ in extremer Weise befördert wurde, jenem 1968 erschienenen Werk, das, wie Greil Marcus sagte, die Grenzen des Blues aufhob. Das Debüt für Warner gehört zum Heiligen Gral der Popmusik, eine Platte, die jedem einfällt, sobald zur Sprache kommt, was bleiben wird.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die unglaubliche Vehemenz und die Konzentration, mit denen dieser Sänger nicht nur hier bei der Sache ist, waren Ausdruck einer Krise und entsprangen einer inneren, sehr persönlichen Notwendigkeit. Morrison hatte schlechte Erfahrungen gemacht mit dem Musikgeschäft und sah sich nach der kurzen aufregenden Zeit bei der Beat-Gruppe „Them“ und zwei schlecht produzierten Soloplatten vor die Wahl gestellt, als Mick-Jagger-Verschnitt weiterzumachen oder seinen eigenen Stil zu finden. Dies gelang mit „Astral Weeks“ nachhaltig. Die Version von Dylans „It's All Over Now, Baby Blue“ und das delikate „T.B. Sheets“ waren noch von einem gängigen Interpretationsverständnis geprägt gewesen - nun trat etwas ganz und gar Eigenständiges zutage. Von der Besetzung her war „Astral Weeks“ eine Jazzplatte, eingespielt in zwei Tagen fast ohne Unterbrechung. Auf dem weichen, nachgiebig-dehnbaren Klangteppich, den man ihm da hinzupfte, bestimmte der Solist sich und das Genre mit einer Heftigkeit neu, die wenige andere erreichten.

          Die Handhabung der Stimme

          Wenn man sich heute fragt, worin eigentlich die Innovationsleistung dieses so traditionsverhafteten Musikers besteht, dann wird man sich darauf einigen können, daß es nicht die Stimme als solche ist, die diese außergewöhnliche Wirkung erzielt, sondern deren Handhabung. Das ist eine Frage der Technik, und Morrison beherrscht sie wie kein zweiter. Das Flüstern und Schreien, das Atmen und das Grunzen, das scheinbar ungeordnete Vorwärtsstürzen, schließlich das Repetitive, das recht eigentlich sein Markenzeichen wurde - all dies nutzt er dazu, den außergewöhnlichen Assoziationsreichtum seiner Traumgedichte mit einem Organ zum Ausdruck zu bringen, das im Grunde wenig voluminös ist. Der so hörbar am Scat-Gesang Geschulte handhabt es wie ein Instrument. Der Klangimpressionismus, den er dabei freisetzt und der dem Vortrag etwas Raffiniert-Sinnliches verleiht, zwingt uns dazu, daß wir die Lautung seiner abstrakt vergrübelten Lyrik genauso wichtig nehmen wie deren Sinn.

          1988 bei einem Konzert in Hamburg

          Es ist deswegen kein Zufall, daß dieser Sachwalter und Modernisierer des Blues am überzeugendsten ist, wenn er seine Manieriertheiten skandierend auslebt und eigentlich leere Wortformeln allein über deren suggestive Wiederholung mit einer Bedeutung auflädt, die mit seiner Person in eins fällt und von keinem anderen zu erzielen wäre. Man höre nur, wie er an sich banale Zeilen wie „Well, it's gettin' late, yes it is, yes it is“ oder „In the cool, cool night“ zum Glühen bringt. Dieser „Cowboy aus Belfast“, wie er genannt wurde, ist also kein Geschichtenerzähler im klassischen Sinn; an die Stelle der story setzt er den stream of consciousness. Rockmusik ist für ihn Introspektion und Selbstvergewisserung, kein Akt der Kommunikation. Das macht seine Kunst so hermetisch und rief bei Konzerten schon manche Enttäuschung hervor. Nicht umsonst taucht bei ihm der Topos vom Radio als Lebenströstung so oft auf: Wo er als Mensch in seiner Qual verstummt, hilft nur ein Knopfdruck weiter, der die heilende Musik freigibt.

          Schlackenlos arrangierter Eklektizismus

          Morrison festigte seine Ausnahmeposition hernach mit Platten, die musikalisch fülliger und in ihrem souveränen, wie schlackenlos arrangierten Eklektizismus aus Blues, Jazz, Folk, Country und Soul ebenfalls Glanzstücke waren. Wie die „Rolling Stones“, so veröffentlichte auch er seine Hauptwerke zwischen 1968 und 1972: „Moondance“ verströmt fast schon Lebensfreude; „His Band And The Street Choir“ merkt man wie „Tupelo Honey“ den zwischenzeitlichen Umzug nach Kalifornien an, Alben, die in ihrer herben Ländlichkeit etwas Weltzugewandtes haben. Davon kehrte er auf „St. Dominic's Preview“, seiner zweiten ganz großen Platte, wieder ab. Die Epen „Listen to the Lion“ und vor allem „Almost Independence Day“, das neben „Ballerina“ von „Astral Weeks“ sein non plus ultra ist, transzendieren mit ihren gegenläufigen, ungemein subtil arbeitenden Akustikgitarren abermals die Leiblichkeit der Rockmusik und sind Zeugnisse einer fiebrig-schwermütigen Selbstbefassung, vorgetragen, als wäre der Mann wieder einmal außer sich, mit üppigen Bildern, voller Zweifel, Angst und Hoffnung.

          Es ist etwas Unerlöstes in dieser Kunst, die die Wurzel zum keltischen Erbe der nordirischen Heimat selten kappt. Und Van Morrison spürte vermutlich, daß das nicht mehr steigerbar war. Zwei Jahre und drei Platten später verstummte er und meldete sich, nach einem denkwürdigen Auftritt beim „Last Waltz“ von „The Band“, erst 1977 wieder zurück. Dies war im Grunde schon der Eintritt in eine ungebrochen produktive Spätphase. Mit routinierter Sorgfalt und wenig Schwankungen arbeitet der Schwierige, der außerhalb seiner Musik so gut wie nichts von sich preisgibt, an der Verfeinerung seines Stils. Seine Stimme hat eine dunkle Tönung angenommen, der Glaube ans Wort ist ihm komplett abhanden gekommen, seine Texte sind stereotyper geworden. Seine Magie, die in der Synthese aus Spiritualität und Ekstase liegt, wird fortwirken weit über diesen Mittwoch hinaus, an dem George Ivan „Van“ Morrison sechzig Jahre alt wird.

          Siehe auch: Rock-Opas: Die großen Überlebenden

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