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Musik : Bub, heul' lieber mit einem einsamen alten Wolf

  • -Aktualisiert am

Blues-Geschichte in Wort, Klang und Bild: Martin Scorsese Bild: AFP

Der Puls Afrikas schlägt am Mississippi: Martin Scorseses großes "Blues"-Projekt auf Film, DVD und CD. Die Huldigung eines Genres.

          7 Min.

          Die amerikanische Weltraumsonde "Voyager" hatte 1977 zur Beschallung auch eine Aufnahme von Blind Willie Johnsons "Dark Was the Night" mit an Bord: die Wehklage einer Slide-Gitarre, vom gespenstischen Stöhnen einer Stimme umspielt. Dieser Gospel-Blues, der die Filmmusik von "Paris, Texas" inspirierte, gilt Wim Wenders noch immer als Musterbeispiel für die ewige Spannung zwischen dem Heiligen und dem Profanen.

          Kein Wunder, daß die "Voyager"-Bilder mit dem vielleicht "jenseitigsten Stück der ganzen amerikanischen Musikgeschichte" (Ry Cooder) am Anfang von Wenders' Blues-Dokumentation "The Soul of A Man" stehen. Blind Willie Johnson repräsentiert für Wenders den tragischen Grenzgänger zwischen Himmel und Hölle, das Bindeglied zwischen Skip James und J. B. Lenoir, aber auch zwischen Nick Cave und Lou Reed.

          Provinzielle Volksmusik

          Schon diese stilistischen Verknüpfungen zeigen, welche persönliche Sicht jenem Projekt zugrunde liegt, mit dem der amerikanische Regisseur Martin Scorsese derzeit nicht nur Musik-, sondern Mediengeschichte schreibt. In einer bislang nicht gekannten Vernetzung von sieben Fernsehfilmen mit insgesamt fünfundzwanzig CDs und einem opulenten Lesebuch wird hier einem Genre gehuldigt und gezeigt, wie sich der Blues von einer provinziellen Volksmusik zu einer universellen Sprache entwickeln konnte. Die Bilderbögen von Scorsese, Wenders, Charles Burnett, Clint Eastwood, Mike Figgis, Marc Levin und Richard Pearce nehmen den Betrachter mit auf eine betörende Zeitreise. Sie beginnt an den Ufern des Niger in Mali, führt über die Baumwollfelder des Mississippi-Deltas ins Swinging London der Sechziger und zurück in die aktuelle Hip-Hop-Szene Amerikas.

          Mit seiner magischen Struktur von drei Akkorden und zwölf Takten bietet der Blues einen nahezu unbegrenzten Freiheitsraum. Er ist für Scorsese "ein Licht in der Finsternis, das niemals erlischt". Wie viele Musikbesessene seiner Generation, so hatte auch er ein Erweckungserlebnis: "Als ich zum ersten Mal ,C. C. Rider' von Leadbelly hörte, war das wie ein Schock. Mit einem Schlag wurde mir klar, wo unsere geliebte Rockmusik ihre Wurzeln hatte. Und zugleich beschlich mich eine Ahnung davon, daß der spirit hinter all den Stimmen und Gitarren aus einer anderen, weit zurückliegenden Zeit herüberweht." In seinem Film "Feels Like Going Home", der die in Amerika bereits im vergangenen Herbst ausgestrahlte TV-Serie "The Blues" eröffnet, taucht Scorsese in eine verschwundene Welt ein: die Welt der Sklavenarbeit, der Holzfäller und Baumwollpflücker, jene beklemmende Szenerie der dreißiger Jahre, die der Musikarchivar John A. Lomax auf den ersten field recordings einfing.

          Himmelsleiter

          Robert Johnson, der angeblich an einer Straßenkreuzung bei Clarksdale seine Seele dem Teufel verkaufte, markiert neben Son House und Muddy Waters einen Meilenstein der Blues-Entwicklung. Er war ein Rebell im Mississippi-Delta, immer gut gekleidet, mit einem Auto und einer fatalen Vorliebe für verheiratete Frauen - ein eifersüchtiger Ehemann vergiftete ihn während eines Auftritts. Johnson steht für den modernen Blues einer "urbanen Vergeblichkeit", während Son House dem ländlichen Country-Blues verhaftet blieb. Von den Pfeifern und Trommlern in den Hügeln von Nord-Mississippi und ihrer Polyrhythmik schlägt der Film den Bogen zurück nach Afrika. Corey Harris demonstriert in Gesprächen und Jam-Sessions, wie wesensverwandt die pentatonische Musik Malis dem Blues ist.

          Wie kam der Blues in die Städte? B. B. Kings Odyssee gibt eine Antwort. In seinem Film "The Road to Memphis" erzählt Richard Pearce, warum die dortige Beale Street in den Vierzigern für schwarze Musiker aus dem Delta zu einer Art Himmelsleiter wurde. Hier schossen die Jazz-Clubs, Blues-Schuppen und Billard-Salons nur so aus dem Boden, schwarze Radiostationen machten aus den Musikern über Nacht Stars, die auf landesweite Tourneen gingen.

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