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Musik : Bastardpop: Neues von den „Red Hot Chili Peppers“

  • -Aktualisiert am

Michael Balzary und Leadsänger Anthony Kiedis Bild: AP

Dieser Platte, deren Texte wie immer von Kalifornien, Mädchen und überwundener Drogensucht handeln, haftet der Beigeschmack eines Best-of-Albums an: „Stadium Arcadium“ der „Red Hot Chili Peppers“.

          3 Min.

          Gefallen bleibt ja immer eine Sache von Gewöhnung. Wahrscheinlich muß man auch das neue Doppelalbum der „Red Hot Chili Peppers“ nur in den Sommerurlaub mitnehmen, um es dann doch ins Herz zu schließen.

          Waren nicht alle Platten der Kalifornier eigentlich Soundtracks für das Befahren imaginärer Küstenstraßen? Doch obwohl jeder Song auf „Stadium Arcadium“ auf Anhieb nach den „Red Hot Chili Peppers“ klingt, wirkt das Album wie ein unbeseelter Fremdkörper - und man weiß nicht recht, ob man sich darauf freuen soll, daß es im Verlauf des Sommers mehr oder weniger mit der inneren Jukebox zusammenwächst.

          Rückkehr zu den Wurzeln

          Irgendwann nach dem letzten Album „By the Way“, einem strahlenden Denkmal gebrochener Schönheit, muß das Quartett die Rückkehr zu seinen Wurzeln beschlossen haben - vielleicht, weil viele Fans auf dieser verträumten Retropop-Scheibe den beinharten Funk vermißten. Daß der gefühlte Mangel nun durch eine Überdosis wettgemacht wird, deuteten die „Peppers“ schon am vergangenen Montag bei einem Exklusivkonzert in Hamburg an. Vor einem Publikum von Jugendheimgröße, in dem Wladimir Klitschko und beängstigenderweise auch Reinhold Beckmann standen, setzte die Band auf beinharten Hochdruckfunk mit nackten Oberkörpern, wie ihn frühe Alben wie „Freaky Stiley“ oder „Mother's Milk“ in den achtziger Jahren verewigten.

          Sänger mit Strahlkraft: Anthony Kiedis
          Sänger mit Strahlkraft: Anthony Kiedis : Bild: AP

          Sänger Anthony Kiedis pumpte seine tätowierten Unterarme auf und inszenierte sich als Hardrocker, Bassist Flea sorgte mit Dauererektion im Daumen für Erdbebenbässe, und Schlagzeuger Chad verwandelte die Snare in einen Preßlufthammer - nur Gitarrist John Frusciante beschreitet mit der äußerlichen Annäherung an Jesus Christus wie immer seinen eigenen Weg. Die „Red Hot Chili Peppers“, die in St.Pauli neben schweißtreibenden Klassikern wie „Power of Equality“ auch fünf Stücke ihres neuen Albums vortrugen, feierten die Rückkehr des Schweinefunks und das Ende der Selbsterkundung. Wie immer bei dieser begnadeten Live-Band war das Konzert umwerfend.

          Verdacht des Etikettenschwindels

          Trotzdem bestätigt „Stadium Arcadium“ beim ruhigen Hören den Verdacht eines Etikettenschwindels, den schon die seit Wochen rotierende Single „Dani California“ nährte. Fast müßte man die Band des geistigen Diebstahls bezichtigen - wenn sie sich nicht am eigenen Eigentum vergreifen würde. Nahezu jeder der achtundzwanzig Songs enthält ein Dejà-vu-Erlebnis, als wäre das Album eine versteckte Aufforderung, das Gesamtwerk mit historisch-kritischem Ehrgeiz nach Belegstellen zu durchforsten. Man kann das zur reifen Form des Selbstbezugs verklären. Aber oft entsteht der Eindruck, als wären bloß ausgemusterte Alternativversionen alter Songs neu eingespielt worden. In der Strophe ähnelt zum Beispiel die Ballade „Desecration Smile“ der Songperle „Dosed“ von „By the Way“ so sehr, daß man beide Stücke problemlos parallel hören kann: Die „Red Hot Chili Peppers“ betreiben Bastardpop mit sich selbst.

          Dabei ist „Stadium Arcadium“, das ohne zwingenden Grund in die Teil-Alben „Jupiter“ und „Mars“ zerfällt, keineswegs ein eindimensionales Werk. Es enthält alle Zutaten, die man bei den Pfefferschoten kennt und liebt: handgelöteten Funk wie „Hump de Bump“ mit seinen abgedrehten Bläsersätzen, vom Sommerwind umwehte Balladen wie „Slow Cheetah“ und ratternde Sattelschleppersongs mit Kuschelrockzwischenspiel wie „Torture Me“. Dazu kommen ein paar neue Aromen wie jener Hauch von Südstaatenrock, der „Dani California“ wie ein entferntes Echo von „Sweet Home Alabama“ klingen läßt. Trotzdem haftet dieser Platte, deren Texte wie immer von Kalifornien, Mädchen und in dunklen Metaphern auch von überwundener Drogensucht handeln, der Beigeschmack eines Best-of-Albums an.

          Das Zeug zum Reißer

          Vielleicht schadet ja auch die Monumentalform des Doppelalbums jener Handvoll denkwürdiger Stücke, die durch das Füllmaterial ihre Einzigartigkeit verlieren. „Charlie“ zum Beispiel, ein federleichter Funkrocksong mit souligem Refrain, hat durchaus das Zeug zu einem Reißer. Und im rätselhaften „Strip My Mind“ mit seinem verzerrten Geistergesang und der durch den Synthesizer gejagten Gitarre entfalten die „Red Hot Chili Peppers“ ihre düstere Größe - hier dient die elektronische Geräuscheküche des Produzenten Rick Rubin, der schon das Doppelalbum „Blood Sugar Sex Magic“ aufnahm, als Resonanzraum und nicht bloß als Klangdesignwerkstatt.

          Man kann „Stadium Arcadium“ allerdings auch ganz anders betrachten - nämlich als behelfsmäßige Plattform für die wachsende Genialität von John Frusciante, für den im Gitarrenhimmel nach „Stadium Arcadium“ ein Platz neben Jimi Hendrix und David Gilmour vorgemerkt sein dürfte. In buchstäblich jedes Stück baut Frusciante, der die Stahlsaiten wie hochsensible Erweiterungen seines Nervensystems behandelt, ein klassisches Solo ein - gerne auch mit Wahwah-Pedal und Hall wie in den verstrahlten Siebzigern. Man sollte also, falls man dem Album im Sommerurlaub seine Chance gibt, auf jeden Fall die Luftgitarre einpacken.

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