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Morrissey : Der Papst der Einsamkeit

Morrissey singt wieder Bild: Sanctuary Records

Wem die Jugend eine Marter ist, dem ist das Alter eine Erlösung: Nach sieben Jahren legt Morrissey, der Sänger der legendären „Smiths“, ein neues Soloalbum vor. Er ist besser denn je.

          6 Min.

          Es war fast schon alles aus, vor zwei Jahren, als das Unglück geschah. Vielleicht waren wieder einmal die achtziger Jahre schuld, die schon damals begonnen hatten, zurückzukehren, die erwachsen geworden waren und selbstgefällig; vielleicht war es aber auch das angebrochene Jahrtausend, das seinen Sound noch nicht gefunden hatte, und als es so herumsuchte in den Songbooks der Popgeschichte, fiel ihm jenes eher kurze Kapitel wieder ein, in dem schon alles gestanden hatte, über Perspektivlosigkeit und Depression, über Langeweile und Einsamkeit. Die Band also, die vor knapp zwanzig Jahren so etwas wie den Glamour der Innerlichkeit erfunden hatte, sie stand auf einmal dort, wo sie nie hingehörte: ganz oben.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Leser des "New Musical Express" hatten "The Smiths" zu den "Greatest Artists of All Time" gewählt. Aus dem Nichts. Gerade einmal vier Jahre hatte die Band existiert, und "Smiths"-Sänger Morrissey hatte seit fünf Jahren kein Solo-Album mehr veröffentlicht. Doch der phänomenale Triumph war vor allem Ausdruck der Enttäuschung: ein Nachruf, der wehmütig akzeptierte, daß die Zeit der größten Band aller Zeiten vorbei war und daß es Morrissey alleine niemals schaffen würde, sein eigenes Werk zu beerben.

          Neue Form der Einsamkeit

          "The Smiths" waren im Olymp angekommen, und weil "The Smiths" immer eher ein Teil von Morrissey waren als umgekehrt, mußte man sich fragen, wohin sein eigener Weg von dort aus nun führen würde. Es war eine ganz neue Form der Einsamkeit, dort oben an der Spitze der Liste.

          Vom leidenden Jüngling zum gereiften Künstler
          Vom leidenden Jüngling zum gereiften Künstler : Bild: Sanctuary Records

          Nach sieben Jahren veröffentlicht Morrissey jetzt wieder ein neues Album, und daß er seine eigene Historisierung dabei geflissentlich ignoriert, zeigt nicht nur das Schulterzucken, mit dem er die aktuelle Wertschätzung seines Jugendwerks hinnimmt. Denn während die Leserschaft des "NME" sich noch immer überwältigt ein "vor den Beatles" zuraunt, kommentiert Morrissey nur: "Ich konnte nicht glauben, daß wir gegen Abba gewonnen haben."

          Der wahre Morrissey: Mit Anzug und MG

          "You are the Quarry" heißt die Platte, mit der er sich nun zurückmeldet, und wer die zwölf Songs ein paar Mal hört, kann kaum noch sagen, ob sie nun alle Erwartungen erfüllen, die sich in den vergangenen zehn Jahren angestaut haben, zählt man die eher unauffälligen Zwischenmeldungen "Maladjusted" (1997) und "Southpaw Grammar" (1995) zur Wartezeit dazu. Vielmehr kommt es einem vor, als sei Morrissey nie weg gewesen, was sicher ein gutes Zeichen ist.

          Sie sind fast alle wieder da, die Motive aus dem Morrissey-Universum, die Haßliebe zu England ("Irish Blood, English Heart"), die Lebenslügen klassischer Beziehungen ("All the Lazy Dykes") und vor allem die Unmöglichkeit, geliebt zu werden ("The World Is Full of Crashing Bores", "How Could Anybody Possibly Know How I Feel", "I Have Forgiven Jesus"). Aber trotz allem ist das Album kein Ticket in die Vergangenheit, was nicht nur der ungewöhnlich fröhlichen Instrumentierung zu verdanken ist, sondern in erster Linie dem Auftreten des mittlerweile 44jährigen. Weltschmerz, Ennui und Außenseitertum: Das sind zwar noch immer Morrisseys zentrale Themen. Die Unsicherheit jedoch, die immer ihr Begleiter war, ist einer erstaunlichen Souveränität gewichen.

          Es ist nicht der larmoyante Jüngling, "sixteen, clumsy and shy", der hier spricht, schon gar nicht im kraftvollen Refrain der ersten Single: "Irish Blood, English Heart, This I'm made of / There is no one on earth, I'm afraid of". Der neue Morrissey, das ist vielleicht die beste Nachricht, hat sich weder verraten noch neu erfunden - aber er hat sich ein paar Anzüge gekauft und eine Maschinenpistole, und er trägt beides, als wären es schon immer die respektfordernden Insignien der Mißverstandenen gewesen, die Symbole seines Familienwappens. Morrisseys Posen, die schon immer der stilsichere Ausdruck einer Haltung waren, sie haben sich kaum verändert; aber heute stehen sie ihm besser als je zuvor.

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