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Morcheeba im Konzert : Es wird nicht wehtun, wenn du die Augen öffnest

  • -Aktualisiert am

Friction is turning to fire: Skye Edwards im selbstdesignten Federboa-Kleid Bild: Michael Kretzer

Die Neunziger nachträumen, in Zeitlupe: Die Sängerin Skye Edwards und ihre Band Morcheeba zeigen in Heidelberg noch einmal mustergültig, was Trip-Hop ist.

          Das muss die klangliche Entsprechung zu einer Lavalampe sein. Dickflüssige Wah-Wah-Gitarrenblasen wabern durch den Raum, der Bass wummert von sehr fern, als sei er hinter mindestens drei Wänden, das Schlagzeug wirkt wie in Watte eingepackt. Reggae-Offbeats wollen durchdringen, sind aber stark heruntergebremst. Von dieser Melange wird das Bewusstsein weitgehend ausgeschaltet, im Halbdämmer meint man die späten neunziger Jahre noch einmal nachzuträumen. In Zeitlupe.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          „It ain’t gonna hurt now / If you open up your eyes“, verspricht die Soulstimme von Skye Edwards, die sanft über allem schwebt. Das stimmt sogar: Denn wie sie sich mit ihrer Gruppe Morcheeba präsentiert, ist auch visuell eine Freude. Die schlaue Lichtregie weiß die 1974 geborene Londonerin mit jamaikanischer Abstammung, die an diesem Abend in der Heidelberger „Halle 02“ ein extravagantes rotes Federboa-Kleid und auf dem Kopf eine leicht überdimensionierte schwarze Melone trägt, immer wieder in den strahlenumkränzten Mittelpunkt von allem zu rücken, ohne dabei jedoch die Band, die sie trägt, ganz im Dunkel verschwinden zu lassen.

          Skye Edwards in Heidelberg

          „Trip-Hop“ hat man deren Musikrichtung genannt, und auch wenn solche Bezeichnungen oft etwas affektiert klingen, ist diese doch äußerst treffend gewählt für die beschriebene Traumhaftigkeit, mit der bei dieser Musik frühere Stile aufgegriffen und verfremdet werden, darunter der Hip-Hop, aber eben auch Reggae, Dub, Rockmusik und deren Elemente wie das ausufernde Gitarren- oder auch Keyboardsolo. So schimmert bei manchen Morcheeba-Stücken ein Rhodes-Piano durch, das direkt aus dem Doors-Klassiker „Riders on the Storm“ herauspräpariert und in einen neuen Kontext geworfen scheint: trippy!

          Auch wenn Morcheeba nicht die erste Trip-Hop-Gruppe war, sondern bereits etwa auf Massive Attack oder Portishead aufbaute, legten sie 1998 mit „Big Calm“ eines der prägendsten Alben des Stils vor, das zu Recht seinen programmatischen Titel trug. Fast in Gänze wird es nun in Heidelberg noch einmal zum Leben erweckt: „Lost my soul there / Down bei the sea“, singt das Publikum beglückt, oder testet bei „Friction“, ob mit den nebenstehenden Personen vielleicht Feuer zu erzeugen ist. Skye Edwards hat dieses Feuer allemal – eine Verirrung daher, dass es ein paar Jahre lang Morcheeba auch ohne sie gab, was man zum Glück einsah und sie zurückholte –, und manchmal spielt sie sehr reizvoll damit. Die neueren Stücke, auch die des jüngsten Albums „Blaze Away“ (zu Deutsch: lodern) scheinen das ebenfalls zu wollen, wirken allerdings teils wie ein Abglanz. Ob man also doch noch aufwachen muss und einsehen, dass hier etwas vorbei ist? Lieber noch nicht, lieber noch ein bisschen schwelgen im perfekt eingestellten Sound und Licht.

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