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Islamistischer Dresscode : Das neue Schwarz

  • -Aktualisiert am
Die IS-Anhänger sind modisch im Trend.

Plötzlich waren Turbane verdächtig, Pluderhosen ein Grund zur Sorge und lange Bärte ein politisches Statement. Designer, die sich dieser Formensprache bedienten, wurden von der Presse regelrecht davongejagt. Raf Simons (seit 2012 Kreativdirektor von Dior und zuvor sieben Jahre Chefdesigner bei Jil Sander) zitierte die orientalischen Bekleidungstraditionen trotzdem weiter: als kommerzielles Korrektiv gegen den diskriminierenden Generalverdacht. Er kombinierte sie mit den Codes des Hiphop, mit der Ästhetik des Bösen als Pose des Pop. Dafür musste er sein Auge gar nicht weit reisen lassen, sondern einfach in die Pariser Banlieues und die Randbezirke Antwerpens fahren, wo die Jugendlichen diesen Stil bereits pflegten: Sie mischten die Kleidung ihrer eingewanderten Eltern mit der ihrer rappenden Idole. Bomberjacken zu Pluderhosen. Kaftane zu Turnschuhen. Den Kopf versteckt in der Kapuze ihres Pullovers.

Die Farbe der gedresscodeten Abendgesellschaft wird zur Provokation

So wie auch Denis Cuspert ihn oft in den Propagandavideos des IS trägt. Der Hoodie verbindet: Rap mit Terror, Pop und Politik, Schüler aus Vechta mit Stars wie A$AP Rocky, die Wuppertaler Scharia-Polizei mit einem Designer wie Raf Simons. Der Kapuzenpullover ist in den vergangenen Jahren zum Kleidungsstück einer ganzen Generation junger Menschen geworden, die auf der ganzen Welt verteilt und trotzdem ähnlich sozialisiert sind: mit Musikfernsehen und Blockbuster-Kino, dem Druck amerikanischer Schönheitsideale und dem nachmittäglichen Abhängen in der Eisdiele des örtlichen Einkaufszentrums. Extrem rechts, extrem links, Schuldige und Schuldlose, Islamisten, Stars, Jugendliche und Modedesigner - sie alle schätzen die Kraft der Kapuze. Weil sie Schutz und Geborgenheit bietet, abschottet und Distanz einfordert, weil sie Zugehörigkeit vermittelt, und zwar bei gleichzeitigem Verschwinden. Der Kapuzenpulli ist die ultimative Höhle. Da muss die Welt draußen bleiben. Zutritt verboten.

IS-Propaganda? Ganz im Gegenteil: auf dem T-Shirts steht „Imagine Peace“.

Und das am liebsten in Schwarz. Denn in keiner anderen Farbe kann man sich besser Respekt verschaffen. Schwarz ist die Farbe der Punks und Goths genauso wie die der gedresscodeten Abendgesellschaft, die des kleinen Schwarzen, der Verführung, die der Geworfenheit in die Welt und des Todes. Doch in einer Zeit, in der alles immer schriller, bunter, lauter, pinker wird, ist Schwarz auch eine Provokation.

#000000 als Corporate Identity

Die Terroristen des IS haben sich angeblich für Schwarz entschieden, weil die Heere der Kalifen-Dynastie der Abbasiden im achten Jahrhundert ein ganzes Weltreich in Schwarz erobert hatten. Das neue Schwarz knüpft an eine fast 1300 Jahre alte Tradition an. In den sozialen Netzwerken ist es längst zur Marke geworden. Al Qaida vermarktete sich noch mit Videos aus einer Höhle, in der Usama Bin Ladin mit Turban und goldenem Kaftan seine Ansprachen hielt. Die Clips des „Islamischen Staats“ sehen eher aus wie das letzte Musikvideo der Sängerin M.I.A., ihr Merchandise verkaufen IS-Sympathisanten per Onlineshop in die ganze Welt. Die Bilder der Kämpfer rauschen seit Wochen durch die Timelines. Von Deutschland bis Indonesien posieren Jugendliche auf Twitter und Instagram mit der schwarzen Fahne des IS.

Die Terrormiliz bastelt an ihrer Corporate Identity, an ihrem Image. Dafür braucht sie Bilder. Denn jede Institution, ob Bündnis, Staat oder Terrororganisation, wird erst durch ihre Logos, Flaggen und Uniformen sichtbar. Kein Mensch wird je die „Europäische Union“ gesehen haben, sondern ausschließlich ihre visuellen Repräsentanten. Sie entscheiden, ob und wie man wahrgenommen wird. Schlagen einen Ton an, so wie das geschwungene „España“ von Joan Miró, das der Künstler 1982 zur Fußball-WM entwarf und das seitdem dem spanischen Fremdenverkehrsamt als Visitenkarte dient: lebensfroh, leichtfüßig, bunt.

Die Bildsprache des „Islamischen Staats“ verspricht Unheil und den Blick in den Abgrund des menschlichen Miteinanders. Der Farbcode #000000 steht nun für eine Finsternis, die im Jahr 2014 kaum jemand für möglich gehalten hätte. Ebenso die arabischen Schriftzeichen. Die Verbindung der weißen geschwungenen Buchstaben auf schwarzem Grund mit den Taten des „Islamischen Staats“, mit den Tausenden abgeschnittenen Köpfen, die nun zur Abschreckung der eigenen Leute auf die Zaunpfähle im Irak und in Syrien gesteckt werden, hat die Schrift verdächtig gemacht. Das ist eine Tragödie. Weil das islamische Glaubensbekenntnis für Millionen Muslime Frieden bedeutet. Und weil auf den T-Shirts der Münchner Designerin Ayzit Bostan auf Arabisch „Imagine Peace“ steht.

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