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Celo und Abdi : Goethe war doch auch ein Rapper

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Bild: F.A.Z.

Sei nicht schüchtern! Celo und Abdi, zwei der großartigsten Rapper von heute, sollten uns das krasse Getto-Frankfurt ihrer Lieder zeigen. Daraus wurde nichts. Sie wollten viel lieber zum Main.

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          Der Plan ist, dass Celo und Abdi, ein Rapperduo aus Frankfurt, mir ein bisschen ihre Stadt zeigen. Wir sitzen bei „Tatie“, einem marokkanischen Restaurant in der Nähe des Hauptbahnhofs, denn Abdi, der 1987 in Frankfurt geborene Mann mit den schwarzen Haaren und dem Barcelona-Trikot, hat marokkanische Wurzeln und isst gerne. Die Anwesenden sind noch zurückhaltend, Geplapper, Scherze, okay, let’s go, fangen wir an. Reden wir über Rapmusik und wie die beiden Männer, deren Rapstil derzeit gewissermaßen der Shit ist in Deutschland, zur Rapmusik gekommen sind.

          Das ist einfach, das ist interessant, aber das interessiert Sie, die Leser, jetzt wahrscheinlich kein bisschen, also nur die Highlights: Abdi erzählt, dass er früher gerne die Miniplayback-Show geguckt habe. „Wie jeder, du doch bestimmt auch!“ Nein, antworte ich, wir hatten kein RTL. Abdi nickt. „Ah. Ihr hattet eher so einen Flügel zu Hause stehen, oder? Aber ist doch gut. Dann haben dich deine Eltern erzogen.“

          Es muss ballern

          Süß, diese Schlussfolgerung, überhaupt angenehm, wie höflich Celo und Abdi sind. Unglaublich zuvorkommend, die Dame zuerst und so weiter. Das Essen kommt, der Fotograf hat nichts bestellt, wird aber von Abdi pausenlos dazu ermuntert, sich bei ihm zu bedienen. „Nimm! Sei nicht schüchtern“, sagt Abdi.

          Der Satz mit dem Flügel sagt eine Menge. Er erzählt von zwei sozialen Milieus, die eigentlich keine Berührungspunkte miteinander haben. Von Drogengeschäften, Autodiebstählen und Ausländern in Deutschland auf der einen Seite. Und der F.A.Z.-Flügel-Universitäts-Welt auf der anderen Seite. Wobei diese dogmatische Einteilung natürlich Blödsinn ist, wenn man genau hinsieht, und dennoch markiert sie zwei Realitäten, auf beiden Seiten. Das Phantastische an Celo und Abdis Musik ist aber, dass sie es schaffen, die eine Welt für die andere zu interessieren. Sie haben verstanden, dass sie das, was sie in Frankfurt (Drogenherstellung, Drogentransporte, Drogendealer, Drogenabhängige) sehen, erzählen müssen wie einen Film. Szenisch, übertrieben, spannend. Sie haben verstanden, dass sie unterhalten müssen, wenn sie wollen, dass man sie wahrnimmt, weswegen ihnen nun auch Angehörige der Flügel-Universitäts-Welt zuhören, denen in ihren beschützten Stress-Leben langweilig ist und die Lust haben auf Unterhaltung, die sich mit etwas anderem befasst als mit Fragen der Selbstsuche und Depressionen. Die Musik von Celo und Abdi ist wie „Goodfellas“ oder „Scarface“ gucken, wobei sich die beiden in ihren Texten auch ausdrücklich auf dieses Filmgenre beziehen. Es muss ballern.

          Und genauso rappt Celo in „Nur noch 60 Sekunden“: „Slim Jim und du bist im Film drin / Hudson Hawk, Lagerhaus oder Nostalgie-Schlitten / Steal it, gib ihm, schon seit Mark-Zeiten / M3-Leisten abreißen, Ersatzteile / Zu Sparpreisen Profit mit Boliden / Acht Mille Tankdeckel vom Lamborghini / Celo Torero mitten im Stierkampf / Wenn der Deal platzt, dann ist Krisa“. Als Mensch ohne Ahnung von Frankfurter Straßensprache versteht man bei der Lektüre dieser Zeilen möglicherweise nicht so richtig viel. Was gleichzeitig das Interessante an ihnen ist. Wie der Rapper Haftbefehl, bei dessen Label „Azzlackz“ (steht für asozialer Kanake) Celo und Abdi sind, konstruieren die beiden ganze Szenen nur aus unverbundenen Schlagworten. Dabei verwenden sie unterschiedlichste Sprachen (Türkisch, Arabisch, Jugoslawisch, Albanisch, Französisch, Englisch, Deutsch), komplett verrückte Idiome und hessische Dialektwörter, was dem Zuhörer die unglaublich bereichernde Teilhabe an einer Welt ermöglicht, die er sonst nicht betritt, die aber absolut zu Germany gehört (wobei nicht die Kriminalität, sondern die Menschen, die, äh, Migranten gemeint sind).

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