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Miley Cyrus: „Plastic Hearts“ : Vom Karma zurückgeknuddelt

Wenn James Bond eine Tochter mit Lizenz zum Betören hätte, die Frechheit und Kunst zu wahnsinnigen Plätzchen zusammenbackt: Miley Cyrus live bei MTV 2020 Bild: AFP

Miley Cyrus hat vom Kinderstardasein bis zur Schmuddelfotokunst alles erlebt, was im Pop heute vorkommt. Jetzt zieht sie mit dem Album „Plastic Hearts“ eine starke Zwischenbilanz.

          3 Min.

          Was? Poprock? Im Jahr 2020? Wieso bloß? Und dann auch noch „Poprock fürs Radio“, nicht, wie allenfalls zeitgemäß, für den osteuropäischen Drogenkeller, die südkoreanische Elektrorollergarage oder wenigstens als Begleitbeat zum iPhone-Videospiel beim Joggen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer den Wortbestandteil „Richtung“ im Begriff „Musikrichtung“ ernst nimmt, weiß längst: Poprock heißt „hinten“. Namen wie „Billy Idol“ und „Joan Jett“ klingen heute nach „Oheim“ und „Muhme“. Aber Miley Cyrus, nicht mal dreißig Jahre alt, lädt mit schärfstem Mutwillen partout diese beiden auf ihre neue Platte „Plastic Hearts“ ein, als wäre nichts gebotener als das. Na gut, Dua Lipa ist auch dabei, für die Kleinen, aber ihr Gastauftritt im Stück „Prisoner“ klingt eher langweilig, wenn auch auf dekadente, sozusagen parfümiert französelnde Art, sagen wir: „langweilique“; nicht ganz ohne Reiz also. Die Gastgeberin indes taucht jede Nummer, jeden Besuch in ihre rätselhaft dunkle Stimme, süffig wie warmes Olivenöl, und singt von „mah frustration“ zu Achtziger-Bassgummi, der sich anhört, als wären Blondie wieder da, aber statt mit Debbie Harry diesmal mit einer weißgefiederten Eule am Mikrofon.

          Achtziger? Wenn der Kinoregisseur Nicolas Winding Refn so etwas als Film macht und „Drive“ (2011) nennt, dann fallen allen Hipstern die Nüsse aus der Schale, aber bei Miley Cyrus kapieren sie’s wieder nicht und hören nur „Eklektizismus“ statt des schwarzen Rauchs im Bauch, der aus Erinnerungen (des Individuums wie der Massenkultur) genau die Sorte Energie macht, die nötig ist, sich der Gegenwart zwar entgegenzustellen, aber nicht verstockt „Früher war alles besser“ zu grummeln (es hilft natürlich, wenn man sich nach einer Vergangenheit streckt, die man gar nicht erlebt hat. Siehe oben: Miley Cyrus ist achtundzwanzig Jahre alt).

          „Reizend“ passt als Adjektiv zu vielem auf der Platte: Was klatscht denn da im Titelsong so drollig in die Pfötchen, sind das wirklich Kirchenmäuse? Frau Cyrus kann dreihunderttausend Instrumente spielen und, wie der Anfang der Ballade „Angels like you“ zeigt, so fein summen, wie niemand mehr gesummt hat, seit David Bowie auf dem Soundtrack von „Cat People“ (1982) kurz mal den Text vergessen hatte.

          In der Plattenmitte schließlich scheucht Kermit der Frosch Billy Idol an die Rampe, die Nummer heißt „Night Crawling“, und Opa singt, gewinnend sexy, „Sometimes my thoughts are violent“, das letzte Wort meint zugleich „gewalttätig“ und „leidenschaftlich“, und Opa hat sich, vielleicht per Dörrverfahren, überraschend prächtig gehalten. Im Hintergrund schießt dazu eine Panzerfaust mit Sahne-Mandel-Muffins, ja eben: Poprock. Die Vorab-Single „Midnight Sky“ ist passabel funky (im Sinne von: Giorgio Moroder niest gern), und zwei Tracks später kommt das Größte: „Bad Karma“ mit Joan Jett, „you’re thinking that I’m sleeping when I’m creeping in the night“. Für dieses galaktische Zwiegestöhne ist das Wort „Duett“ viel zu gewöhnlich, „DuJett“ wäre allerdings affig, also vielleicht: Herrinnenabend? Damendrachenfeuerseufzen mit langen pinken Fingernägeln? Das Lied des Jahres jedenfalls, in drei Minuten, länger muss Kunst offenbar nicht sein, egal, was die vielen Kranken glauben, die sich heute unterhalb vertraglich zugesicherter Wagner-Opernlänge gar nicht mehr ins Studio bequemen. Bleibt inmitten von so viel Schmackes und Finesse zuletzt die uralte Frage: Was will uns die Künstlerin damit sagen? „Plastic Hearts“ ist zunächst die lebende Brücke zwischen einerseits den Runaways (also Joan Jetts bester Phase) und andererseits dem Gesamtwerk von Miley Cyrus’ Patentante Dolly Parton. Anstatt sich freilich wie diese Vorbilder für je ein Genre (Countrypop bei Parton, Poprock bei Jett) zu entscheiden, bebildert die Jüngere seit spätestens ihrer lotusblütenbekränzten Kollaboration mit den Flaming Lips, „Miley Cyrus and Her Dead Petz“ (2015), immer wieder neu die Idee „Je praller das Menü, desto wählerischer der Geschmack“. Soll heißen: Ein gieriger Archivzugriff bürgt paradox für die Individualität des dabei zusammengeklauten Ausdrucks der Autorin, ein allgemeines Ohr nährt eine besondere Stimme, kurz, Miley tut, was Madonna zwischen circa 1990 und 2010 getan hat, aber mit dem fürs Werk lebensgefährlichen Unterschied, dass das eigentlich gar nicht mehr geht; die Zeiten sind rum.

          Plastikherzen halten länger

          Miley Cyrus weiß das schon. Ha, sagt ihr dreckiges Lachen dauernd, seit sie ihren „Hannah Montana“-Anfängen und einer zwischenzeitlichen Pornoküken-Maskerade glücklich entwachsen ist, hört her, alte Leute, meine Generation hat von euch nichts als altes Geraffel geerbt, böses Karma, das man jedoch liebhaben kann wie ein mottenzerfressenes Kuscheltier. Madonnas Plattenindustrie hatte noch Riesenbudgets für Produktionen, und Madonnas Fans besaßen seinerzeit genug Klimpergeld zum Sammeln von Maxi-CDs. Die Altersgruppe von Frau Cyrus aber kann nicht prassen. Was tun?

          Ums mit einer extrem aktuellen Metapher im Finstern zu pfeifen: Die Pop-Genussmittel der Vergangenheit sind bei Miley Cyrus Impfstoffe gegen das, was mit dieser Vergangenheit passiert ist – Popmusik insgesamt, nicht nur Poprock, ist „hinten“ als Lebensstil. Der handelte vom Versuch, die Kulturarbeit von allerlei Minderheiten (ethnischen, sexuellen et cetera) in die soziale Mobilität auch von Töchtern und Söhnen des sogenannten Mittelstands der reichen Länder einzuspeisen und dabei vielleicht der einen oder anderen genialen Randexistenz den Weg ins Zentrum der Weltaufmerksamkeit zu bahnen. Dieses Spiel ist gelaufen, aber bislang gibt’s kein neues, das ähnlich gut als Legierung aus Euphorisierung, Sozialisierung, Trost und Träumen funktionieren würde. Eines ist sicher: Plastikherzen halten länger. Vielleicht schläft drinnen ja süß eine Nachtigall und träumt zu schrägstmöglicher Musik von Liebe, bis der Winter endlich wieder abhaut.

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