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Miley Cyrus in Frankfurt : Flieg, stolzer Dreckspatz!

Mademoiselle Cyrus besorgt es einer Autohaube und führt in knappsten Kostümen die neuesten Formen angezogener Nacktheit vor Bild: Slesiona, Patrick

Miley Cyrus hat am Freitagabend in der Frankfurter Festhalle keinen Stein auf dem anderen gelassen. Und was man so alles mit dem Publikum anstellen kann, führt sie bei ihrer Welt-Tour in nahezu perfekter Professionalität vor.

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          Kondition ist was für angepasste Gesundheitsroboter; richtige Genussmenschen lassen sich von ihren Festen lieber systematisch fertigmachen. Doktor Cyrus, übernehmen Sie! Das heißt, bevor die derzeit ausgekochteste einundzwanzigjährige Wahnsinnige der Welt die Bühne schüttelt, darf erst noch ihre gleichaltrige Kollegin und enthemmte Seelenverwandte Sky Ferreira, deren aktuelle Platte „Night Time, My Time“ unter rein popmusikwissenschaftlichen Gesichtspunkten womöglich noch einen Zacken gelungener ihr Zeug durch die Boxen schiebt als der letzte Cyrus-Samthammer „Bangerz“, das Publikum ein Weilchen warmschmachten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Frau Ferreira umgibt sich mit hageren, gutaussehenden Männern, die alle irgendein Instrument liebhaben und bedienen können. Die junge Dame trägt einen zu großen Streifensweater, einen zu kleinen Rock und eine Sonnenbrille, die von der Nase nur das raffinierteste Restchen übriglässt. Die Männer, die Brille und die Lieder stehen ihr ausgezeichnet. Aber bevor man sich richtig an das alles gewöhnt hat, ist es auch schon wieder weg.

          Dann wartet man. Dann wartet man länger. Dann wird man schon langsam unleidig, aber bevor man die Stirn richtig fertiggerunzelt hat, geht der Laden in einem Ausmaß hoch, dass man sofort vergisst, wie man irgendwas runzelt: Auf einer langen Zunge aus Stoff rutscht Miley Cyrus aus einer überdimensionalen Abbildung ihres Gesichts in ein unfassbares Geschrei aus lauter fanatisch freudenbereiten Gesichtern, Armen, Händen, ein Irrenhaus, das ihr gehört und in dem sie sich auskennt wie der Clownfisch im Korallenriff.

          Die neuesten Formen angezogener Nacktheit

          „Struttin‘ my Stuff“ nennt das, was sie am Liebsten macht, der Eröffnungstrack des Konzerts, und damit ist je nach Requisitenlage ein extrem trittsicheres Stolzieren, ein schlangenartiges Sitz-Steh-Drehballett oder eine biegsame Inbesitznahme von Kulissenmöbeln gemeint, die  „artistische Pornogymnastik“ heißen könnte.

          So geht es los: Auf einer langen Zunge aus Stoff rutscht Miley Cyrus aus einer überdimensionalen Abbildung ihres Gesichts in ein unfassbares Geschrei aus lauter fanatisch freudenbereiten Gesichtern, Armen und Händen

          Mademoiselle Cyrus besorgt es einer Autohaube (während das Fahrzeug Geldscheine in die Menge spuckt, denn das Stück dazu heißt „Love Money Party“), führt in knappsten Kostümen die neuesten Formen angezogener Nacktheit vor, schäkert mit Leuten in Tierverkleidung, bis der Streichelzoo der Sünde von Blendgranaten wieder auseinandergesprengt wird, und reitet zum Schluss auf einem Hot Dog hoch in der Luft aus der Spaßhölle, wozu ihr selbstredend auch noch ein phallischer Scherz  über Würstchen einfällt – Frankfurter Würstchen, klar, sie weiß eben immer, wo sie gerade ist. Überhaupt, dieser Schmutzmund!

          So oft „fuck“ und „shit“ hört man nicht mal in der New Yorker U-Bahn zur Hauptverkehrszeit, und wenn sie die Hitze in der Halle anschaulich zusammenfassen will, teilt sie der Menschheit mit: „I’m sweatin‘ my fucking tits off“.

          Das Erstaunliche daran: Auch wenn nicht nur weibliche, nicht nur mitten in der Pubertät um sittliche Orientierung bemühte Gäste den Weg in diesen Brodelkochtopf des enthemmten Hedonismus gefunden haben, sondern durchaus auch ein paar Herren mittleren Alters, meist allerdings mit Töchterbegleitung,  wirkt der durchgeknallte Sexualzinnober nicht wie eine peinliche Pädophilen-Peepshow, sondern meistenteils  wie großes, hundertprozentig professionelles zeitgenössisches Varieté mitsamt stattlichen, mokkabraunen Traningsanzug-Damen und einer kleinwüchsigen Frau, die auch in den absurdesten Verkleidungen nicht wie das vorgesehene Ziel von Spott und Entwürdigung aussieht, sondern stets wie die selbstbewusst bewegliche Mitarbeiterin der mal kindlich verspielten, mal breit grotesken Inszenierung wirkt, die sie ist.

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