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Mick Jagger : Es ist der Sänger, nicht der Song

  • -Aktualisiert am

Sir Michael Philip Jagger, 60 Bild: epa

Ein Rolling Stone bekommt am Ende doch, was er will: Mick Jagger, der nicht etwa der beste, sondern der einzige weiße Rhythm&Blues-Sänger ist, wird an diesem Samstag sechzig Jahre alt. Die alten Rockmythen hat er widerlegt.

          Zwei Tage vor Mick Jaggers dreißigstem Geburtstag wurde in der "Daily Mail" gemutmaßt: "Historiker kommen in der Zukunft vielleicht zu dem Schluß, daß Mick Jagger & Co. die besten Waffen in der Hand des Establishments waren - Hohepriester einer neuen Religion, die in diesem Fall tatsächlich Opium fürs Volk war." Acht Jahre vorher wußte diese Zeitung von "seltsam affenähnlichen ruckweisen Bewegungen" zu berichten, mit denen die "Rolling Stones" gerade das katholische Münster erschreckten. Die Erklärung für eine Erscheinung, die auch nachher nicht verstanden wurde: "Die haben nichts, was sie interessiert, wofür sie schwärmen, was sie beschäftigt, worauf sie warten, wenn sie ihre Berufs- oder Schulstunden absolviert haben."

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Mick Jagger hatte immerhin so viel Wirtschaft studiert, um zu wissen, daß auch die Triebabfuhr ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt und nicht gesteuert werden sollte, wenn sie richtig funktionieren soll. "Das Beschissene an John Lennon ist", sagte er später, "daß er nie Marx gelesen hat." Der Beatle war auf sich selbst reingefallen, indem er sich mit Jesus verglich, was Jagger nie in den Sinn gekommen wäre. Der wußte von Anfang an, daß auch ein Religionsersatz wie der Rock'n'Roll nur Opium für das Volk ist. Aber was heißt "nur"? Mehr hatte und brauchte man nicht. "What can a poor boy do than to sing for a rock'n'roll band?", fragte er scheinheilig, aber so undeutlich in "Street Fighting Man", daß man diesen Defaitismus lieber überhörte und die Parole vom Straßenkampf noch herbetete, als Jagger schon sein Schloß bezogen hatte.

          Straßenkampf als Pose

          Es ist zwecklos, beständig auf den Widerspruch zwischen revolutionärer Attitüde, die nicht nur Jagger sich gab, und Schloßbesitz hinzuweisen. Für Jagger gab es gar keinen; für ihn ergab sich das eine aus dem anderen, weil der Straßenkampf so gut als Pose gedacht war und als solche auch wunderbar funktionierte wie sein unglaublich femininer Auftritt, als er mit der Band 1976 "Hey, Negrita" intonierte. Die Bedingungen für die Musik, die er im Sinn hatte, waren eben die, die der Kapitalismus bereithielt; mit Ideen, wie sie dem amerikanischen Blues zugrundeliegen mochten, den die "Rolling Stones" nicht etwa imitierten, sondern selbstbewußt weiterentwickelten, verschärften, hatten sie nichts zu tun.

          Von Anfang an war Mick Jaggers Lebensphilosophie - wenn es so etwas überhaupt gibt bei diesem Mann - eine Größe, die nur im Kopf seiner Bewunderer und Gegner existierte. Das mußte auch so sein, weil Andrew Loog Oldham, der blutjunge und mindestens genauso ehrgeizige Manager und Produzent der frühen Jahre, es so wollte. Die "Rolling Stones", so notierte er auf dem Rückcover des allerersten Albums von 1964, seien mehr als eine Gruppe, sie seien a way of life, etwas, das sich der Phantasien der nationalen Jugend bemächtigt habe. Dies konnte ihnen in einem solchen Maße gelingen, weil die Band offensiv etwas zur Schau stellte, was es in dieser Mischung nicht gab bei der britischen Jugend: Arroganz, Aggressivität, Triebhaftigkeit und Coolness. Sie verkörperte die Verausgabung, Überschreitung, Destruktion. Die Unverblümtheit aber, mit der Oldham die Band zum Lifestyleprodukt machte, sollte schon bald mit einer solchen Heftigkeit auf diese und vor allem auf Jagger zurückschlagen, daß ein weniger zäher und regenerationsfähiger Musiker daran zerbrochen wäre. "Wenn sie wirklich Stilgefühl haben, sorgen sie dafür, daß sie vor ihrem dreißigsten Geburtstag bei einem Flugzeugabsturz umkommen", schrieb Nik Cohn 1970 und brachte Vernichtungsphantasien zum Ausdruck, die abseits von der Popkritik noch viel lebhafter blühten.

          Moralisch kompromittiert

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