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Michael Naura zum Achtzigsten : Spitze Zunge, scharfe Kante

  • -Aktualisiert am

Advokat des Jazz: Michael Naura Bild: dpa

Ob am Klavier oder am Schreibtisch: Er sorgte dafür, dass der Jazz in Deutschland Gehör fand. Zum achtzigsten Geburtstag des Pianisten und Autors Michael Naura.

          Für seine glasklaren Läufe und wuchtigen Akkorde sei er in seiner aktiven Zeit gefeiert worden. Das erwartet man auch von einem Klavierspieler, der internationales Renommee genießt. Das Lob für den Jazzpianisten Michael Naura galt allerdings nicht seinen Fähigkeiten am Flügel, sondern denen auf der Schreibmaschine. Denn der Mann am Klavier saß die Hälfte seiner Laufbahn am Schreibtisch. Dort schrieb er sich seine Ansichten zum Jazz von der Seele. Dafür wurde er nicht nur geliebt, nicht einmal von dem Rundfunksender, für den er fast dreißig Jahre gearbeitet hat. Für seine Kritik am schnöden Schielen nach Einschaltquoten wurde er als Leiter der NDR-Jazzredaktion abgemahnt. Einschüchtern konnte ihn das nicht.

          Es hätte auch nicht zu Michael Naura gepasst, dessen Jahrgang stark sein musste, um sich im Überlebenskampf durchzusetzen. Dazu stammt er noch aus einer Gegend, die von der Geschichte auch nicht gerade bevorzugt behandelt wurde. 1934 in Memel geboren, kam er schon während des Krieges nach Berlin, wo er später Philosophie, Soziologie, Publizistik und auch Grafik studierte. Als Musiker war er, wie viele zum Jazz neigende Künstler, Autodidakt. Die Liebe zu dieser Musik wurde, so oder so, zu seinem Beruf, dem er in diversen Etablissements Berlins, dem „Breitenbach Keller“ und der „Badewanne“ etwa, und natürlich auf Tourneen mit eigener Combo in einem eklektischen Stil nachkam, der den lässigen Tonfall von George Shearing mit der feinen Klangästhetik eines Bill Evans und den kraftvollen Blockakkorden von Dave Brubeck erfolgreich amalgamierte. Wichtigster Mitspieler im Quintett von Naura war damals der Vibraphonist Wolfgang Schlüter, mit dem er zahlreiche Aufnahmen machte, auch mit „Jazz und Lyrik“-Projekten, an denen der lange Jahre mit Naura befreundete Peter Rühmkorf beteiligt war.

          Scharfzüngiger Kritiker

          Als Naura seine musikalische Aktivität wegen einer Krankheit unterbrechen musste, fand er als Journalist und Redakteur ein neues Betätigungsfeld, auf dem er nicht minder erfolgreich gewesen ist. Im Funk sorgte er dafür, dass der Jazz gegenüber populäreren Musikformen nicht unterging. In Artikeln, vor allem für „Die Zeit“, kämpfte er scharfzüngig für die musikalische Avantgarde und gegen kommerziellen Schund. Miles Davis bezeichnete er dementsprechend als tätigen Jazz-Vulkan, Richard Clayderman als „Pianör“, dessen modisches Geklimper gut in Fahrstühle, Waschsalons, Supermärkte und Wartezimmer passe. Michael Naura, der Kritiker, war nie sachlich – er war böse, radikal, verletzend, witzig, phantasievoll, aber immer auf der Seite der Musik. Seine heilsamen Attacken fehlen, seit sich der Scharfzüngige auch publizistisch zurückgezogen hat. Heute feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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