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Max Raabe : Dies ist kein Liebeslied

Ganz Ohr: Max Raabe vor seinem Palastorchester, vor seiner großen Tournee Bild: ddp

In Berlin hat die Tournee von Max Raabe und seinem Salonorchester begonnen, einem der erfolgreichsten Kulturexporte Deutschlands. In der Austreibung des Seelenvollen, die man sich allerdings als formvollendetes Hinauskomplimentieren zu denken hat, liegt der Inbegriff seiner Kunst.

          Diese Stimme kommt aus dem Nichts. Im Dunkel des Berliner Admiralspalastes, wo Max Raabe seine von der F.A.Z. als Medienpartner unterstützte Tournee beginnt, spürest du kaum einen Hauch, als der Sänger zum ersten Vers des Eröffnungsliedes „Heute Nacht oder nie“ ansetzt. Die Aspiration des ersten Lautes ist nicht wahrzunehmen, obwohl Max Raabe sie zweifellos nicht fortgelassen hat, sonst müsste er ja wie ein Franzose aus einer englischen Fernsehklamotte klingen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Eute Nacht oder nie: Finge das Lied so an, dann finge es mit einer Zäsur an. Der Sänger würde sich bemerkbar machen, würde in den Fluss der Musik springen, den sein Palastorchester strömen lässt - hoppla, jetzt sing' ich. Max Raabe aber gleitet einfach hinein in dieses Lied, als käme er auf Schlittschuhen über die Milchstraße herbeigesegelt. Wenn man ihn hört, weiß man, dass man seinen Einsatz verpasst hat. Er wird dann, man muss es paradox formulieren, ganz leise lauter. Er lässt den Ton anschwellen, verschafft ihm eine Resonanz ohne Körperlichkeit, ohne jedes Zittern oder Wimmern, ohne jede Ahnung eines Schepperns. Ist das überhaupt Musik? Es ist reine, organische, übergangslose Lautstärkeregelung. Ein Gesang ohne Rhythmus und Dynamik, also ohne das, was die Bläser des Palastorchesters in prächtigstem Überfluss produzieren. Wie ein Schmetterling, der sich in den Maschinenraum eines Ozeanriesen verirrt hat, kreist die Stimme des Sängers über dem Einheizkesseltreiben des Orchesters. Ein Bote des Himmels? Aber was wäre die Botschaft?

          Spaßeshalber einmal die ganze Schöpfungsapparatur anwerfen

          Das „eu“ ist die Essenz eines Heultons, eine ungemein diskrete Sirene. Der Text erklärt im dezisionistischen Chic der Weimarer Jahre die Nacht zur Stunde der Entscheidung. Aber kann auf die Zuhörerin ein Alarmismus übergreifen, der den Sänger gar nicht zu ergreifen scheint? „Seit ich dich einmal geseh'n, / ist's um die Ruhe gescheh'n.“ Max Raabe ist die Ruhe selbst, wenn er diese Verse singt. Ein durchgehender Widerspruch zwischen Wort und Ton charakterisiert seinen Vortrag. Nichts ist so zu verstehen, wie es auf dem Blatt steht; was ihm über die Lippen kommt, verwandelt sich in Unsinnspoesie. Die plötzlichen Unglücksfälle, von denen Nummern nach Art des unverwüstlichen „Kaktus“ handeln, bleiben eingesponnen in eine Gesangslinie, die so lückenlos ist wie die Papstreihe. Und alle Aufwallungen der Leidenschaft sind lediglich Momente in einem ständig bewegten, aber unveränderlichen Kosmos atmosphärischer Valeurs, dessen durch nichts zu irritierende Harmonie nur deshalb erträglich ist, weil es sich um das Resultat einer gewaltigen Kunstanstrengung handelt.

          Wie ein Schmetterling, der sich in den Maschinenraum eines Ozeanriesen verirrt hat,

          Max Raabes Perfektionismus darf an diesem Abend wieder bewundert werden. Mag Richard Wagners unerlöste Urenkelin in ihrer letztjährigen Festspiel-Inszenierung der „Meistersinger“ nach alter Bildungsspießer Sitte den Aktionskünstler hochleben lassen - Max Raabe will kein Kunstwerk der Zukunft schaffen, daher muss alles vorbereitet sein und alles stimmen. Wenn er nicht am Mikrofon steht und singt, dann steht er an den Flügel gelehnt und lässt den Instrumentalsolisten den Vortritt, damit sie zeigen, was sie können. Er hört zu und sieht, dass es gut gemacht ist - als würde der Herrgott als größter Zampano auf dem Jahrmarkt spaßeshalber einmal die ganze Schöpfungsapparatur anwerfen.

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