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Marko Perkovic : Der Hass-Sänger

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In den Niederlanden wurden seine Konzerte untersagt. Die serbischen Medien nehmen ihn als ein Indiz, dass es unter der Asche der Ustascha noch glüht. In der Hercegovina protestierte der Mufti von Mostar gegen seinen Auftritt in der Stadt, in der Muslime und Kroaten noch immer leben, als seien sie von einer unsichtbaren Mauer getrennt. Zuvor hatten Muslime gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde und katholischen Aktivisten in Sarajevo ein Thompson-Konzert mit dem Argument verhindert, dass er die Ideologie der Ustascha verherrliche und ethnische Konflikte provoziere. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum warf dem öffentlichen kroatischen Fernsehen vor, durch eine Live-Übertragung seines Konzerts im Zagreber Maksimir-Stadion, zu dem sich im Juni 40.000 Fans eingefunden hatten, Nazismus, Antisemitismus und Fremdenhass verbreitet zu haben. In Kanada und in den Vereinigten Staaten setzten sich kroatische Kultureinrichtungen, die Thompsons Tournee „Es war einmal in Kroatien“ im November beherbergten, dem Vorwurf der Begünstigung neofaschistischer Propaganda aus.

Die Liebe zur Heimat

„Ich bin ein Musiker und kein Politiker“, verteidigt sich Thompson, „bei meinen Konzerten singe ich über die Liebe zu Gott und zur Heimat, nur darüber und über sonst nichts.“ Allgemein bekannt ist, dass er mehrmals eines der übelsten Spottlieder der Ustascha gesungen hat, jenes über das kroatische Konzentrationslager Jasenovac, in dem Zehntausende Serben, Juden und Roma auf bestialische Weise gefoltert und ermordet wurden. Er habe dies, sagte er nun, nur als Rebellion gegen die serbischen Aggressoren getan. Während Sympathien für das Ustascha-Regime in den neunziger Jahren oft noch als Zeichen des Patriotismus gewertet wurden, änderte sich dies recht rasch nach Tudjmans Tod. Vor drei Jahren verurteilte die kroatische Bischofskonferenz Thompsons Songs, weil sie eine „Sprache des Hasses verwenden“, die „mit den Errungenschaften der christlichen Zivilisation“ unvereinbar sei.

Damals hatte Ivo Sanader in der regierenden Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) eine Kursänderung eingeleitet, die über die Abgrenzung von der extremen Rechten bis zur Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal führte und die Voraussetzung dafür schuf, dass Beitrittsverhandlungen mit der EU aufgenommen werden konnten. Die Zeit war an Thompson vorbeigezogen, der aber noch die rechtsextreme HSP mit einer Parteihymne beschenkte und regelmäßig bei Veteranentreffen auftrat, die gegen die Verfolgung kroatischer Kriegsverbrecher mobilisieren sollten.

Der Antichrist im Plural

Jetzt ist er zu öffentlicher Zurückhaltung gezwungen, muss seinen Fans aber zugleich versichern, dass er ganz der Alte geblieben sei. Das Ergebnis ist Ambivalenz, wie man sie von Le Pen, Haider und Co. gewohnt ist: Was er gesagt hat, wollte er so nicht gesagt oder wenigstens so nicht gemeint haben; zugleich gibt er zu verstehen, dass er es immer noch meine, aber es eben nicht mehr sagen dürfe. Noch immer hat er den Cavoglave-Song in seinem Repertoire, der mit der Parole „Za dom spremni“ anhebt. Es stimmt zwar, wenn Thompson sagt, dass sie auf den Nationalhelden Ban Jelacic und das Revolutionsjahr 1848/49 zurückgeht, aber das wissen halt nur wenige. Weithin bekannt ist hingegen, dass sie von der Ustascha verwendet wurde. Noch auf der jüngsten Tournee hetzte Thompson mit dem Song „Mein Volk“ gegen „Antichristen, Freimaurer und Kommunisten“, die die von Gott erkorene kroatische Nation vernichten wollten. Wohlgemerkt „Antichristen“, nicht „Antichrist“, damit wenigstens der Plural erhalten bleibt, wenn man schon nicht mehr „Juden“ sagen darf.

Es führt dennoch in die Irre, Thompson mit Neonazi-Bands auf eine Stufe zu stellen. Thompson predigt nicht offen den Hass auf Minderheiten oder Ausländer. Vielmehr kennzeichnet ihn der absolute Mangel an Empathie für die Opfer von Gewalt, sofern sie nicht der „heiligen“ kroatischen Nation entstammen. Er befeuert die Identifikation mit einem mythisch verbrämten Nationalismus, der sich durch Ausschluss und Abgrenzung der anderen definiert und sich der Religion lediglich als Ursprungsmythos zur Stiftung öffentlicher Identität bedient. Diese Art des Nationalismus beschränkt sich in Kroatien nicht nur auf die Veteranenverbände, die rechtsradikalen Gruppen und Parteien, die Fußballclubs und Fangemeinden. Er ist, wie sich in diesen Wochen vor den Parlamentswahlen wieder gezeigt hat, tiefer verwurzelt und reicht bis in die Mitte der Gesellschaft. Marko Perkovic Thompson leiht ihm lediglich Gesicht und Stimme.

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