https://www.faz.net/-gqz-x74t

Mark Knopfler : Der Gartenarbeiter als Messias

  • -Aktualisiert am

Wo ist bloß die Intimität hin? Knopfler nimmt es mit Gelassenheit,dass seine leisen Töne Stadionrock sind Bild: Marcus Kaufhold

Wenn dieser Musiker an seiner Saite zupft, gerät auch deine Seele in Bewegung - ob du willst oder nicht. Mark Knopfler hat in Frankfurt ein großes Konzert gegeben. Man hatte den Eindruck, als wollte er all seine Songs auf ihre folkloristischen Wurzeln in Schottland, Irland und Nashville befragen.

          3 Min.

          Schon vor dreißig Jahren verkörperte er die Antithese zum exaltierten Rockmusiker. Mark Knopflers Kunst lebt von lässigem Understatement und beruht auf Gelassenheit. Ihm sind bei aller beiläufigen Virtuosität auch die Noten wichtig, die er nicht spielt. Nur so entstehen jene leichthändigen Melodielinien, die in ihrer menschenfreundlichen Sentimentalität Trost und Trotz gleichermaßen atmen. Somnambule Sounds, Soli von einer süßen Schläfrigkeit, gläserne Glissandi und erdenschwere Blues-Meditationen: Mark Knopfler ist in der zeitgenössischen Rockszene ein unbelehrbar Unzeitgemäßer. Schon zu „Dire Straits“Zeiten war es ihm verhasst, wenn Fans ihm voller Begeisterung beichteten, wie seine Musik ihr Leben verändert habe: „Ich kann nur meinen eigenen Garten sauber halten, kleine Dinge tun. Ich will kein musikalischer Messias sein.“

          Obwohl er dem Star-Syndrom in der Rockmusik gegenüber äußerst skeptisch ist, wurde Mark Knopfler durch diesen kompromisslosen Gestus selbst zu einer Leitfigur. Hatte er Mitte der Neunziger seine „Dire Straits“ aufgelöst, weil er den Stadion-Rock nicht länger mit seinem Konzept vereinbaren konnte, so ist aus dieser Sehnsucht nach Intimität inzwischen längst schon wieder ein Riesending geworden. Auf seinem jüngsten Album „Kill To Get Crimson“ huldigt der suggestive Melodiker, der oft mit einer einzigen Wendung die Seele seiner Zuhörer zum Klingen bringt, den Heroen seiner Jugend: Hank B. Marvin von den „Shadows“, dazu Duane Eddy, Chet Atkins, Django Reinhardt und Lonnie Johnson.

          Songs auf ihre folkloristischen Wurzeln befragen

          Jetzt machte Mark Knopfler während seiner Welttournee in der Frankfurter Festhalle Station und zog eine Art Bilanz der eigenen Geschichte. Mit einem Septett der Sonderklasse - neben dem zweiten Gitarristen Richard Bennett und zwei Keyboardern ist John McCusker, ein versierter Geiger und Flötist, mit von der Partie - destillierte er die volksliedhaften Anteile aus Liedern wie „What It Is“ oder „Postcards From Paraguay“ heraus. Man hatte den Eindruck, als wollte Knopfler an diesem Abend all seine Songs auf ihre folkloristischen Wurzeln in Schottland, Irland und Nashville befragen. Vielleicht ließ er sich deshalb immer wieder auf lange Zwiegespräche mit McCuskers Fiddle-Spiel ein.

          Schon der Eröffnungstitel „Cannibals“ im tanzbaren Zydeco-Stil mit Akkordeon gibt die musikantische Signatur der Songfolge vor. Oft variiert Knopfler die Gesangslinien gegenüber den Originalen, verleiht seiner abgeklärten Phrasierung noch kontemplativen Schmelz. Spätestens in dem selten gespielten „Bill Farmer's Blues“ wird unmittelbar spürbar, wie souverän Knopfler heute mit den dickflüssigen Tonmalereien seiner Les-Paul-Gitarre die Stimme verlängert. Zu unwiderlegbaren Beweisen dieser instrumentalen Beredsamkeit geraten dann die alten „Dire Straits“-Gassenhauer „Sultans of Swing“ und „Telegraph Road“ - beide natürlich vom roten Stratocaster-Signature-Modell beflügelt. Nicht nur greift er hier einzelne Gesangsmotive auf und treibt sie weiter; er lässt seine Stimme ansatzlos in jubilierenden Schwingungen der Saiten aufgehen und findet so mit seinem Instrument zu einer magischen Einheit.

          „Wunder im Weichspülen“

          Hundertmal gehört, selten so betört: „Brothers in Arms“ - die Waffenbrüder scheinen an diesem Abend jeder Schlachtordnung zu misstrauen und stattdessen ihr Überleben in triumphaler Schwermut zu genießen. Selten hat Knopfler seine Gibson zu einem so sensiblen Sprachrohr gemacht wie in dieser Frankfurter Interpretation. Welche samtige Tiefe sein Sprechgesang inzwischen auslotet, demonstriert die Ballade von „Romeo and Juliet“: ein einzigartiges Manifest der Zärtlichkeit. Die beiden einzigen Titel vom neuen Album, „True Love Will Never Fade“ und „The Fish And The Bird“, wirken vor diesem beseelten Hintergrund wie Fingerübungen.

          Kein Wunder, dass solche Konzerte - wie übrigens schon zu „Dire Straits“-Zeiten - von innovationssüchtigen Poppropheten als versöhnliche Demonstrationen des Mainstream, als „Wunder im Weichspülen“ geschmäht werden. Vielleicht ist es Knopflers Problem, dass er wider besseres Wissen an die Durchsetzungsfähigkeit aufrichtiger Gefühle in einer korrupten Welt glaubt. Musik gilt ihm noch immer als Heimstatt der empfindsamen Seele: „Going Home“, dieses Himmelfahrt-Instrumental aus der Filmmusik „Local Hero“, war nicht zufällig der Schlusstitel des grandiosen Konzerts. Solche Sehnsuchtsorte bleiben immer umkämpft - nicht nur in der Popkultur.

          Weitere Themen

          Eine Rede aus zweiter Hand

          Vorträge der Nobelpreisträger : Eine Rede aus zweiter Hand

          Peter Handke zitiert in seinem Vortrag vor allem eigene und fremde Werke. Dagegen bemüht sich Olga Tokarczuk um ein neues Ideal für die Literatur, das sich an der ältesten Erzählperspektive der Welt orientiert: der der Bibel.

          Zeitungswende in Italien

          Verkauf von „La Repubblica“ : Zeitungswende in Italien

          „La Repubblica“ war die Zeitung, die gegen Italiens Establishment antrat. Jetzt wird sie von diesem gekauft – von der Familie Agnelli. Dahinter verbirgt sich eine Übernahmeschlacht.

          Topmeldungen

          Erfolgreich im Beruf : Verborgene Helden

          Mit Karriere verbinden wir Geld, Aufstieg und Ruhm. Erfolg und Erfüllung gibt es aber auch hinter den Kulissen. Fünf Beispiele für ein erfülltes Berufsleben.

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          1:2 in Mönchengladbach : Die Bayern verlieren die Kontrolle und das Spiel

          Die Münchner dominieren das Topspiel zunächst nach Belieben, treffen aber das Tor nicht. Als sie es doch tun, kommt Gladbach schnell zum Ausgleich. In der Nachspielzeit überschlagen sich dann die Ereignisse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.