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Madonnas Regiedebüt auf der Berlinale : Von Reitpeitschen und Rohrstöcken

Huldvoll winkt die Diva Bild: picture-alliance/ dpa

Madonna und das Kino, das ist nicht gerade, was man eine Erfolgsgeschichte nennt. Jetzt zeigt sie auf der Berlinale ihr Regiedebüt. Doch niemand würde bei „Filth and Wisdom“ auf den Gedanken kommen, sie habe diesen Film gemacht.

          Madonna und das Kino, das ist nicht gerade, was man eine Erfolgsgeschichte nennt. Etwas peinlich berührt, denkt man an „Evita“, an „Body of Evidence“, mit leisem Grauen an „Swept Away“. Das ist ein klarer Fall von unerwiderter Liebe, vielleicht auch ein Dokument des ihr notorisch nachgesagten Willens, sich neu zu erfinden; geholfen, sich als Schauspielerin zu entwerfen, hat das allerdings nicht. Vielleicht hätte sie Schluss machen sollen nach der netten Rolle in „Susan verzweifelt gesucht“ (1985). Aber ein Material Girl gibt nicht auf. Sie will es wissen, und solchen Werken der Passion, die sich um die hämisch lauernden Medien nicht kümmern, soll man mit Wohlwollen begegnen und auch nicht spekulieren, ob es tektonische Spannungen in der Ehe mit dem Filmemacher Guy Ritchie waren, die Madonna hinter die Kamera getrieben haben.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Also, so unvoreingenommen, wie es eben geht: Madonna, die erste. Die erste Regie. An diesem Mittwoch wird der Film auf der Berlinale gezeigt, in Anwesenheit der Regisseurin. Er heißt „Filth and Wisdom“, also Schmutz und Weisheit, darüber könnte man grübeln, aber das nimmt einem der Hauptdarsteller schon eingangs ab. Er spricht zu uns, er wird das auch weiterhin gelegentlich tun, und er erläutert uns, wie Schmutz und Weisheit miteinander verbunden sind. Ich habe es leider nicht ganz verstanden, weil das eine nicht wirklich die Kehrseite des anderen ist wie Aufstieg und Fall. Und auch wenn dieser Mann namens A. K. sich als sicheren Anwärter für die Hölle bezeichnet, ist der Film weder schmutzig noch weise.

          Kaum mehr als Bartzwirbeln und Augenrollen

          Dieser Schauspieler, der so gerne böse wäre, heißt Eugene Hutz, ist in Kiew geboren und Frontman der Band Gogol Bordello, die Zigeunerpunk spielt und bei ihren Auftritten ein bisschen Kabarett bietet. Und er hat schon in „Alles ist erleuchtet“ mitgespielt. Er kultiviert erfolgreich einen sehr harten Akzent, er darf am Ende auch mit seiner Band musizieren, aber schauspielerisch, da ist außer Bartzwirbeln und Augenrollen weniger zu sehen; es wirkt eher so, als habe er es beim Casting zu Emir Kusturicas letztem Film nicht ganz in die Endauswahl geschafft.

          Ein großer Star wirft lange Schatten

          Dan Cadan hat das Buch zu „Filth and Wisdom“ geschrieben, es ist episodisch angelegt, es spielt in London und folgt den Wegen dreier junger Menschen, die in einem alten Haus zusammenleben. Und weil offenbar keinem der Beteiligten Alltag und Karriereträume von Twentysomethings abendfüllend erschienen, gibt es immer wieder kleinere Einlagen mit kinky sex, die ziemlich bieder aussehen und auch bei A. K. nicht halb so dämonische Veranlagungen erkennen lassen, wie er uns weismachen will. In Uniform und mit Reitpeitsche erfreut er ältere Herren, reitet auf ihrem Rücken, und einem eifrigen Angestellten macht er die Freude, ihn als strenger Lehrer zu quälen, damit er sexuell auf Touren kommt. Und weil A. K. doch ein gutes Herz hat, geht er auch für den erblindeten und vergessenen Schriftsteller im Erdgeschoss einkaufen, den Richard E. Grant spielt.

          Sie hat es ordentlich gemacht. Aber nicht originell

          Auch der Lapdance ist nicht mehr, was er in „Showgirls“ mal war. A. K.s Mitbewohnerin (Elena Buda) träumt von einer Ballettkarriere, doch aus Geldnot muss sie sich in einem trüben Club um Stangen winden und strippen, wobei sie von einer Professionellen (Francesca Kingdon) angeleitet wird, die sich vulgär und ruppig gibt, aber das übliche goldene Herz hat. Vielleicht haben sich ja hier Schmutz und Weisheit getroffen. A. K.s zweite Mitbewohnerin (Vickey McClure) schließlich arbeitet in einer Apotheke, stiehlt Medikamente, sammelt für Afrika und wird vom indischen Apotheker angeschmachtet, dem zu Hause eine ewig keifende Ehefrau und eine kleine Kinderschar das Leben schwermachen.

          So geht's dahin, von Episode zu Episode, ohne rechtes Ziel, die Spannung hält sich in Grenzen, die Spritzigkeit von Inszenierung und Dialogen auch. Und bevor die ganzen kleinen Geschichten auseinanderdriften, es war zu ahnen, werden alle an einem Ort zusammengeführt: zum Konzert von Gogol Bordello. Da reichen sich alle die Hände. Und selbst die voluminöse jüdische Ehefrau, die an ihrem Mann verzweifelte, hat das Tor zum Glück gefunden: Sie trägt Schuluniform und hebt den Rohrstock, so dass ihr Mann künftig wohl nicht mehr die Dienste von A. K. wird in Anspruch nehmen müssen.

          Ein Absturz ist das alles nicht. Madonna hat sich mit Profis umgeben, sie hat es ordentlich gemacht. Viel schlimmer ist wohl, dass niemand auf den Gedanken käme, Madonna habe diesen Film gemacht. Und das erspart einem endlich einmal auch die Floskel, sie habe sich als Regisseurin neu erfunden.

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