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Madonnas neues Album : Sie will doch nur wie zwanzig aussehen!

Madonna Ende Februar bei den Brit Awards Bild: Reuters

Eine selbstverständliche neue Platte von Madonna wird es wohl nie geben. Immer muss gedeutet werden. „Rebel Heart“ zeigt uns, dass Madonna zwar nicht mehr älter wird, aber dafür ihre Musik.

          4 Min.

          Madonna, eine Frau mit zwei Beinen und einer Milliarde Fußnoten. Jetzt kommen noch ein paar mehr dazu, denn an diesem Freitag erscheint bei Universal ihre neue Platte, die dreizehnte, „Rebel Heart“ heißt sie. Jetzt muss natürlich sofort wieder alles genau geklärt werden, wie immer und seit Jahren schon: Was sagen uns diese neunzehn neuen Songs über den Zustand von Clubmusik? Was erzählt ihr Körper über unsere? Wie lassen sich die neuesten, morgen oft schon längst wieder überholten Erkenntnisse des Feminismus im 21. Jahrhundert mit Madonnas persönlicher Mission (Selbstverwirklichung, Subkulturfeier, Power) vereinbaren?

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Madonna, inzwischen sechsundfünfzig Jahre alt, war von Anfang an mehr als ihre Musik. Sie bedeutete auch immer irgendetwas für die Welt, die zu ihren Songs tanzte und die sie selbst tanzend veränderte. Und selbst wenn man irgendwann entnervt vom Kommentarapparat versuchte, keine Meinung zu Madonna zu haben, selbst wenn man versuchte, nur auf ihre Musik zu hören, aber die theoretischen Hintergrundgeräusche ansonsten auszublenden: Dann war auch das wieder ein Kommentar. Weil es wirkte, als wollte man sich dem Eigentlichen entziehen. Als wollte man die Frage nicht beantworten, die uns Madonnas Werk als Popkünstlerin stellt. Das muss man erst mal schaffen: Neutralität und Gleichgültigkeit unmöglich zu machen.

          Aber wie lautet diese Frage eigentlich, wenn es denn überhaupt eine gibt? Was man in den letzten Wochen so über Madonna lesen konnte, drehte sich immer und immer wieder darum, ob sie in ihrem Alter in diesem Sexystyle noch herumlaufen darf.

          Die Darf-sie-das-Frage

          Die Frage wurde meistens in Texten gestellt, die sie dann lautstark sofort als reaktionären Unsinn zurückwiesen, um dann Madonna zu rühmen für ihren Mut. Insofern ist die Darf-sie-das-Frage vor allem ein rhetorischer Trick, um eine Debatte zu erzeugen, die längst keiner mehr führt: Madonna tut ja eh seit Jahren, was sie halt tut, und keiner ruft die Polizei, die Leute kaufen weiter ihre Platten und gehen in ihre Konzerte und ziehen sich mit Mitte Fünfzig vielleicht auch so unbekleidet an wie sie, und was irgendwelche bösartigen Blogger bloggen, hat doch echt noch nie interessiert. Jetzt ist sie grad in London bei den „Brit Awards“ auf der Bühne über ihr Kleid gestürzt. Haha! Für jede Stufe, die sie herunterstrauchelte, zweitausend langweilige Kommentare.

          Was macht man mit einem Stier? Bei den Hörnern packen, klar! Bilderstrecke
          Was macht man mit einem Stier? Bei den Hörnern packen, klar! :

          Interessant wird es aber, wenn Madonna zum Rolemodel für das gewachsene Selbstbewusstsein von Frauen jenseits der fünfzig stilisiert wird, die knappe Kleider tragen und auf Schicklichkeitsideale von vorvorgestern pfeifen. Denn Madonna möchte ja doch augenscheinlich gar nicht wie jemand aussehen, der noch mit fünfzig wie mit zwanzig herumläuft: Sie möchte wie zwanzig aussehen. Oder was ist sonst auf den Bildern von ihr zu sehen, denn wir haben ja nur Bilder von ihr?

          Übergroß ist der Wunsch, dass Madonna irgendwas im Sinn hat, was man auf den ersten Blick nicht sieht. Dass sie etwas bezweckt. Vielleicht ist das also die Frage, die Madonna uns stellt, ohne sie stellen zu wollen, denn wer weiß schon, was sie wirklich denkt: Warum bedeutet das, was Frauen wie Madonna im Pop tun, immer noch etwas anderes als das, was sie tun? Frauen im Pop, egal wie alt sie sind, sind immer ein Statement, und Männer im Pop sind Männer.

          Aufpoliert und durchgerechnet

          Und jeder gutgemeinte Versuch, eine emanzipatorische Kraft aus Madonnas Bühnenoutfits herauszulesen, zementiert das nur weiter. Eine selbstverständliche neue Platte von Madonna wird es wahrscheinlich nie geben, da kann sie sich noch so selbstverständlich alles nehmen, was sie kriegen kann (und sie soll es ja auch, alles, was sie will, darum geht es gar nicht.) Es macht echt irre. Oder besser: müde. Eine neue Platte von Justin Timberlake ist jedenfalls noch nie als Kommentar zur Lage der Nation gelesen wurde. Justin Timberlake musste aber noch nie etwas anderes sein als Justin Timberlake, das nennt man Privileg.

          Neunzehn neue Songs hat „Rebel Heart“, und anhand der neun zu urteilen, die Madonna vorab den Medien freigegeben hat, wird zwar Madonna nicht älter, dafür aber ihre Musik. Vor allem die stampfstampfenden Mitsingschaukler wie „Devil Pray“, die sich aus dem amerikanischen Songbook und der Mainzer Fastnacht gleichzeitig bedienen, sind echt enttäuschend und die Balladen einschläfernd.

          Zwei Hammertracks gibt es, „Illuminati“ und „Bitch I‘m Madonna“, aber auch die sind derartig aufpoliert und durchgerechnet, dass kaum noch Platz zum Atmen bleibt. Kanye West ist dabei. Und die Rapperin Nicki Minaj: wie schon bei der letzten Platte „MDNA“ firmiert sie als Signalgeberin der Informiertheit der beauftragenden Künstlerin. Und Diplo, Produzent der Stunde, hat „Rebel Heart“ produziert.

          Madonna – das gehört zu ihrer Legende – hat sich immer das Neueste vom Heißesten genommen: Produzenten, Sounds, Pornotrends, und sie ist für ihren Instinkt und ihre unermüdliche Suche nach dem heißesten Neuen immer gefeiert worden. Aber richtig rough und kaputt durfte es dabei schon seit langem nicht mehr zugehen. Musik von Madonna wurde irgendwann nur noch chromglänzend perfekt, kontrolliert und fehlerfrei. Auch das ist eine Kunst - aber diese Kunst klingt eben nach ein paar Millionen Dollar.

          Man merkt das umso deutlicher, wenn man Madonnas letzte Platten und diese neue dann einmal gegen das Produkt einer Millionen-Dollar-Industrie wie „1000 Forms of Fear“ von Sia hält: eine Platte, die wirklich kaputt und rough und fertig ist, ein Drogenopfermeisterwerk vom Rande der Nacht aus einer Welt, in der Madonna wie eine Touristin wirkt, auch wenn sie noch so sehr behauptet, genau dort zu Hause zu sein, bitch.

          Eine rituelle Handlung

          Man braucht Madonna ja schon seit langem nicht mehr so dringend wie früher, um heftige neue Sounds und Körperwahrheiten aus der Subkultur hinein in den Mainstream zu übersetzen. Das tut der Mainstream inzwischen ganz gut auch von ganz allein. Er hat nämlich längst akzeptiert, dass man auch zu Fragwürdigkeiten und Zerbrechlichkeiten sehr laut mitsingen kann – wie zu Sia zum Beispiel. Wenn eine Riesenindustrie und ein Riesenpublikum sich gleichzeitig darauf einigen können, dass eine Paranoiahymne wie „Chandelier“ von Sia ein Hit ist, dann wird das Abendland nicht untergehen, zumindest nicht in diesem Jahr.

          In diesem Jahr jedenfalls erscheint eine neue Platte von Madonna, die vor allem beweist, dass neue Platten von Madonna längst zu Ritualhandlungen geworden sind: Madonna geht mit den allerneuesten Stars ins Studio, die Musik passt dann auch schon irgendwie, die eine Hälfte der Kritik redet mit sich selbst über ihre Theorien, die andere versucht sich auf die neuen Sounds zu konzentrieren, dann kommt eine große Tour, danach geht alles von vorn los. Zwischendurch hält man sich fit für dieses Zirkeltraining mit anderer Musik, die einem mehr bedeutet.

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