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Madonnas neues Album : Mein Zucker ist nicht von Pappe

  • -Aktualisiert am

Schnell gehe ich zur Kasse, 12,99 Euro, was mich schon deswegen freut, weil das Herunterladen, das ich ehrlich gesagt bis heute nicht beherrsche, auch nicht viel billiger gewesen wäre. „Nicht einpacken, gleich auf die Hand“, hätte ich beinahe gesagt, weil das Cover, wie ich nun zugeben muss, doch unheimlich lecker aussieht, wenn auch, wie gesagt, sehr verrucht. Trotzdem: keine Tüte! Sollen ruhig alle sehen, dass ich nun im Besitz der Madonna-CD bin, der zweite Mensch in ganz Frankfurt.

Noch auf der Treppe reiße ich dem Ding die Frischhaltefolie herunter und schiebe es mir rein, also in meinen Walkman, den ich an diesem Morgen, an dem ich, das ist doch Ehrensache, früher als sonst das Haus verlassen habe, extra noch mit frisch aufgeladenen Batterien versorgt habe. Man sieht: Ich überlasse nichts dem Zufall, eigentlich wie Madonna.

Mein Zucker ist roh

Das erste Lied heißt „Candy Shop“ und fällt mir in seiner quirligen Art, wie sie ja typisch ist für dieses späte Mädchen, zuerst auf die Nerven, aber der Refrain klingt dann doch ganz gut. Es handelt von einer Frau, die ja nur Madonna selber sein kann, die einem Mann sagt, er solle doch mal rüberkommen zu ihr auf die Tanzfläche und bloß nicht so tun, als hätte er keinen Hunger, denn sie habe je-de Men-ge Sü-ßig-kei-ten anzubieten – „my sugar is raw“. Ich bin nun doch froh, dass ich darauf verzichtet habe, meinen Ghettoblaster mitzunehmen und die Frankfurter Fußgängerzone zu beschallen – man müsste sich ja schämen!

Dann kommt „4 Minutes“, das kenne ich schon, das wurde vorab als Single veröffentlicht und klingt im Prinzip sehr ähnlich, obwohl Madonna hier ihre fiepsige Stimme deutlich tiefer legt, was irgendwie weniger bedrohlich klingt. Das Komische an dieser Person ist ja, dass sie gerade mit ihrem Kleinmädchengesang so gefährlich wirkt, der diese unglaubliche Süße verheißt; das war schon bei „Like a Virgin“ so. Wenn man mich fragt: der totale Sex!

In dieser schon recht aufgeheizten Stimmung steige ich in die S-Bahn und setze mich breitbeinig auf die hinterste Bank, so dass auch ja alle die CD-Hülle sehen können, die ich immer noch in der Hand habe. Aber niemand nimmt Notiz davon, auch nicht, als ich zu dem direkt in die Beine gehenden „Give it 2 Me“ provozierend mitwippe.

Was hat sie, was ich nicht habe?

Eindeutig am interessantesten ist das sechste Lied, das aus dem hilflosen Eifersuchtsklassiker Was-hat-sie-das-ich-nicht-habe? selbstbewusst und klug eine Drohung macht: Die andere mag für morgendliche Spielchen unter der Dusche zur Verfügung stehen, aber das dürfte kaum von Dauer sein, es ist nur ein Moment, bei mir erwartet dich etwas, das von Dauer ist – „She’s not Me“. Das schöne „Miles Away“, das man in seiner angenehm konventionellen Liedhaftigkeit nun schon fast mitsummen kann, muss ich zweimal hören, weil ich bei dem S-Bahn-Geratter den Anfang mit der akustischen Gitarre nicht richtig mitbekomme – das ist fast wieder die gute alte Madonna von vor 1990.

„Heartbeat“ könnte mit dem feinen Synthesizer sogar von 1983 sein, wie überhaupt das Album ganz leis nach Madonnas Anfangszeiten klingt. Was der für Clubverhältnisse (denn mit denen haben wir es hier wieder zu tun) recht melodiös gehaltenen, quecksilbrig-intelligent abschwirrenden und mit eher weichen Beats („Schlägen“) angereicherten Sache dann aber doch einen hörbar modernen Anstrich verleiht, das sind diese ganzen Männer, die da mitmachen, all diese Timbalands und Justin Timberlakes mitsamt Pharrell Williams.

Das sind schon sehr ausgebuffte Typen, denen es mit zu verdanken ist, dass dies nicht bloß gewöhnliche Disko-Anmache ist, sondern noch etwas anderes. Was es genau ist, das ist schwer zu sagen; es geht jedenfalls über die Beischlafduette nach Art von Marvin Gaye/Diana Ross oder, die etwas harmlosere Variante, John Travolta/Olivia Newton-John deutlich hinaus. Mehr sollte an dieser Stelle dazu nicht gesagt werden – aus Sicherheitsgründen. Nur soviel noch: Madonna hat jetzt vielleicht nicht gerade das Rad erfunden; aber sie hat dem alten, knarrenden Rad der Tanzmusik wieder einmal einen kräftigen Ruck nach vorne verpasst.

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