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Madonna : Sie malt die Nacht mit Licht an

  • -Aktualisiert am
Alles oder nichts: Madonna ist zurück
          4 Min.

          An diesem Freitag schon, als noch kein Rezensent das komplette Werk kennen konnte, hat's in allen Ohren gesummt. Man las in Zeitungen Kritiken, denen der Duftauszug von ein paar vorab ins Netz gestellten Stücken zum Schwärmen genügt hat.

          Falsch war kein lobendes Wort, das da erschienen ist; aber mehr als bei anderen Platten muß bei Madonnas „Confessions On a Dance Floor“ der Gesamteindruck über Ablehnung oder Zustimmung entscheiden. Denn das Spiel heißt „Alles oder nichts“: Die Künstlerin setzt bewußt und strahlend verbissen auf den ununterbrochenen mächtigen Trommelherzschlag; nur wer erlebt hat, wie da über sechsundfünfzig Minuten lang erbarmungslos durchgeheizt wird, darf hinterher geschafft zusammensinken und atemlos hauchen: Ja, das ist es, darauf hat die Welt gewartet. Denn in dieser üppigen Suppe, die man bis zur Neige saufen muß, um sie geschmeckt zu haben, schwimmt mehr Glück, mehr Euphorie, mehr - es gibt wirklich kein deutsches Wort, das dieses Moment vollumfänglich träfe - volupte, als alle Kokainströme Europas je mit sich führen könnten.

          Brauchen wir Madonna noch?

          Wie macht man das? Anders als früher: Billige, hocheffektive Trällerbomben wie „Holiday“, das Stück, mit dem Madonna 1983 die globale Disco geknackt und besetzt hat, bastelt man heute eher für die „Sugababes“ („Push the Button“), und das platinblonde Lebensstilsegment „Grellness statt Wellness“ ist auch nicht mehr vakant, sondern wird von Gwen Stefani verwaltet. Brauchen wir Madonna überhaupt noch? Allerdings. Denn so wie Andy Warhol Dinge über Kunst und Gegenwart gewußt hat, die Duchamp in hundert Jahren nicht erraten hätte, verbindet Madonna das Händchen für unbesiegbare Stampfer und Brüller nach wie vor mit Mutterwitz und großem Feldherrinnenknall auf eine Weise, hinter der man schon höheren Beistand vermuten muß.

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          Madonna : Sie malt die Nacht mit Licht an

          Man nehme nur die Sampling-Frage: Irgendeinen „Led Zeppelin“-Schlagzeug-Nebensatz kann heute jeder Rübenbauer elektronisch ins ansonsten doofste und berechnendste Stück Wegwerfkrach schieben. Nur die Schlausten können da noch überzeugen: Snoop Dogg hat die „Bee Gees“ verwurstet, Pras von den „Fugees“ sich bei Dolly Parton bedient. Aber für die Eröffnungsnummer eines Party-Albums wie „Confessions“ ein paar Takte aus „Gimme gimme gimme (A man after Midnight)“ von „Abba“ zu enteignen, wie Madonna das unter dem Titel „Hung up“ jetzt vollbracht hat, dazu gehört mehr - nämlich eine Idee, auf die unzählige „Abba“-Verehrer unter den Musikschaffenden nicht gekommen sind.

          Der High-Tech-Panzer der Liebe

          Die smartesten Produzenten der Neuzeit haben das, was die Schweden der Menschheit hinterließen, immer nur als Fest des Leichten und Graziösen, als etwas Reines, Heiliges, eine erdfern durch das All schwebende fettglänzende Hochzeitsnudel gefeiert. Madonna aber legt für „Hung up“ die andere, die dreckige und fordernde, kurz: die brutale Seite der „Abba“-Erfahrung frei, das tonnenschwere Kettenfahrzeug der Liebe, den High-Tech-Tanzpanzer.

          Und so geht es weiter, auf durchgängig gehaltenem hohen Niveau: „Get Together“ klingt wie unter Wasser von denkenden Badezusätzen auf Atom-U-Boot-Navigationscomputern programmiert, „Sorry“ holt uralte Bässe aus dem Keller der Pyramiden und beschießt damit die Wolken, „Future Lovers“ jongliert akustische Magnetfelder und malt die Nacht mit Stroboskoplicht an, „I Love New York“ baut eine tönende Stadt aus rhythmisch sortierten Hitzewallungen zwischen steilen Betonwänden - es geht, sagt dies alles, insgesamt um Synästhetisches. Bilder und Düfte sind immer mitgedacht.

          Express yourself!

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