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Madonna live : Drei Tage lang war Deutschland eine Disco

Umstritten, umjubelt: Madonna bei ihrem Konzert in Hannover Bild: dpa

Nimm John Travolta, die „Bee Gees“, „Hot Chocolate“, und die Welt steht dir offen. Auf der Bühne in Düsseldorf und Hannover war Madonna eine Popsängerin in exakt dem Sinne, in dem New York eine Stadt und der Papst ein Priester ist: Grundsätzlicher, umfassender, wichtiger geht's nicht.

          Als die mannsgroße Discokugel vorne an der Rampe endlich auseinanderfällt wie ein irdischer Vorwand, der himmlischen Hintersinn tarnt, entsteigt ihm die unsittlichste Reitpeitschen-Ischtar seit Babylons Menschenopferzeiten und zwingt ihre zaumzeug- und scheuklappengeschmückten Lustknaben mit blütenreinem Mädchengesang auf die Knie: „I'm gonna tell you about love/let's forget your life/forget your problems/administration, bills and loans/come with me.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nur allzu gern waren die insgesamt achtzigtausend Besucher der beiden deutschen Madonna-Konzerte in Düsseldorf und Hannover bereit, diese Maxime einen Abend lang gelten zu lassen - eine Nacht, die für weniger als 140 Euro regulär nicht zu bekommen war, Anreise und Übernachtung noch nicht mitgerechnet. Trotz solcher Preise versammelten sich in den beiden Stadien Anhänger aus allen Regionen der Republik. Darunter ganz überwiegend Frauen, Mädchen, die sich mit Lederjacken, Abendkleidern, Glitzerbrillen oder Korsagen unterschiedlichste Accessoires aus der ihnen jeweils sympathischen Phase der Epochenvielfalt ihres Idols herausgepickt haben und diese endlich einmal ausführen dürfen. Doch das Konzert, das sie erwartet, ist nicht beliebig, sein Zubehör kommt nicht aus der Rumpelkammer. Dieses Ereignis hat eine Voraussetzung, die andere weltweit vagabundierende Musiksternchen, -meteore und sogar manche Sonnnen des Popkosmos vernachlässigen.

          Mehr als sexy Jazzgymnastik

          Die Evidenz, der geräumige Allesfressermagen, die willentlich obszöne Fülle bestmöglicher Popmusik als solcher - nichts anderes ist das mit jedem Beat, jedem brünstigen Tieftonknödeln, jeder getragenen und gestreckten Klirrfaktornote offengelegte Geheimnis Madonnas. Denn nur mit sexy Jazzgymnastik, militärisch-bacchantischer Hybridchoreographie, verwegenen Kostümfetzen und scharfen Frisuren kriegt man gigantische Menschenmengen nicht so wogend glücklich, so zuckend weichgeritten, wie es dieser Frau gelingt. Dazu gehört mehr: zwingender, eindeutiger, großer Sound.

          Madonna im Landeanflug

          Kaum geht's bei Madonna zur Sache, ist der klägliche Jahrmarktskasper-Auftritt des überbezahlten Plattenauflegers Paul Oakenfold im Vorprogramm vergeben, und alle niedlichen Cowboyhütchen in Babyblau und -rosa auf vielen, vielen Fanköpfchen nicken im Takt. Stimmt, Camp-Country: auch so eine Mode, die Madonna erfunden hat, weil sie ihr steht und uns armen Affen nicht, damit der Unterschied auch schön sichtbar bleibt zwischen derjenigen, die gibt, was sie hat, und denen, die das allenfalls dankbar annehmen dürfen.

          Die Folgen richtiger Ernährung und religiöser Verzückung

          Klatschen, Pfeifen, Ohmacht, Absencen, Erdbeben, Welten im Zusammenstoß - nach drei Minuten „Future Lovers“ ist auch der verbiestertste Sitzlümmel auf den Beinen; das kühle, aber muskulöse Stück schmeißt die magnetisierten Synthesizersoundplättchen seiner wendeltreppenartigen Klangarchitektur unters Volk wie frisch gemischte Spielkarten (Ehrensache: lauter Herz-Asse).

          Madonna legt sich auf den Bauch, hockt sich zum Schnulzenfest „Drowned World“ aufs Treppchen, als wäre sie mit jedem einzelnen Menschen im Publikum persönlich eng befreundet und müßte jetzt mal gerade dringend eine hochintime Lebensbeichte ablegen; dann springt sie wieder gliederlösend auf und ab, wenn ihr der Rhythmus zu gediegen wird, oder wälzt sich schamlos in ihrem ungeheuren Talent für einfach alles. Zwei Stunden lang demonstriert Frau Ciccone so die verblüffenden Folgen richtiger Ernährung, religiöser Verzückung und disziplinierter Lebensführung.

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