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Madonna in Berlin : Der Besuch der alterslosen Dame

Sie bleibt nicht sesshaft: Madonna in Berlin Bild: ddp

Mitten auf der Bühne thront Madonna und lässt sich als Königin des Pop huldigen. Allein: Sie wird nicht sesshaft bleiben. Sie kann sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen. Ihr Berliner Konzert entrollt sich als Orgie disziplinierter Dynamik.

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          Sie dreht sich mit Höllengeschwindigkeit um die eigene Achse, die emblematische Stellvertreterin, die auf das Quadrat projiziert wird, hinter dem die Leibhaftige zum Vorschein kommen wird: Eine Weltkugel, rosaweiß gestreift wie die Süßigkeit, die dem aktuellen Album den Titel gibt, wird durch einen kosmischen Flipper gejagt, und keine Verknotung der Röhren, kein Haken der Kanalisation, keine Verdickung der Adern kann ihr etwas anhaben. Der unsanfte Aufprall, das ist ihr Element: Jeder Hieb ein Schub, jeder Tritt eine Spritze, die ganze vertrackte Weltarchitektonik mit ihren Glasdecken und Falltüren wirkt als Dopingcocktail, der die Meisterin aller Bergetappen davonschießen lässt. Bingo.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Als die Herrscherin, die uns mit dem Weltreichsapfel hingehalten hat, ihr im Berliner Olympiastadion zusammengeströmtes Volk begrüßt, sitzt sie auf einem Thron. Sie wird nicht sesshaft bleiben. Die Chefin kann sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen. Die Orgie disziplinierter Dynamik, als die auch dieses Madonna-Konzert sich entrollt, ist allerdings nicht der Versuch, ihre anhaltende Legitimität zu demonstrieren. Man kennt Völker, die ihre Könige umbringen, wenn sie nicht mehr fähig sind, Lebenskraft zu spenden. So mag eine kritische Popgeschichte in emanzipatorischer Absicht im Geiste Hans-Ulrich Wehlers voraussagen, Madonnas Charisma werde den Weg alles Fleischlichen gehen, sie werde ihr Publikum nicht mehr um den kleinen Finger wickeln können, wenn sie dereinst nicht mehr die anderen neun Finger und alle anderen Knochen in jedem Moment um ihn herum wirbeln lasse. Aber solange Madonna tanzt, ist der Gedanke vollkommen abwegig, dass es sich um ein Vortanzen handeln könnte. Wir bilden uns nicht ein, wir seien ein zigtausendköpfiger Kaiser, dem es freistehe, seine zigtausend Daumen zu senken.

          Hier wird die Dialektik der Aufklärung ins Werk gesetzt

          Wie der ägyptische Sonnengott hält Madonna die Welt in Gang, indem sie sich bewegt. Ihre kontrollierten Zuckungen sind die elementaren Verrichtungen einer katholischen Werkgerechtigkeit, der sich kein meritokratisches Kalkül unterschieben lässt. Nicht sie hat zu beweisen, dass sie es noch kann, dass sie und der alte Königsstuhl noch nicht gut zusammenpassen. An uns ist es, mit ihr mitzuhalten. Ihrem Körpereinsatz in den wechselnden Choreographien liegt eine einzige Figur zugrunde: ein mit dem ganzen Leib ausgeführtes Kreuzzeichen, ein in vollkommener Selbstbeherrschung absolvierter Veitstanz. In der Lebenswelt von Madonnas italienischen Vorfahren gibt es die alten Jungfern, die sich beim Bekreuzigen vor sich selbst wegzuducken scheinen, als könnten sie durch die Flüchtigkeit der Selbstberührung den Leib zum Verschwinden bringen. Diesen Dualismus hat Madonna eskamotiert.

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          Madonna in Berlin : Der Besuch der alterslosen Dame

          Zu „Like a Prayer“ läuft ein Film, der die heiligen Worte der Weltreligionen synkretistisch verschleift, bis nur noch „The Spirit“ übrig bleibt. Von einer Rückkehr ins Licht ist die Rede, wie umgekehrt vorher im Zeichentrickfilm zu „Rain“ ein Lichtgeist mit Madonnas Silhouette als weltschöpferisches Prinzip aus dem Himmel niedergefahren war. Zur Dialektik der Aufklärung, die hier ins Werk gesetzt wird, gehört die Gegenläufigkeit der optischen Botschaft und des akustischen Geschehens. Das Prinzip des Geistes ist nicht die Verquickung, sondern die Scheidung, er ist ein Synonym für die Materie, das heißt im Konzert: den mit allen Mitteln und aller Gewalt erzeugten Klang, den jenseits von Hermeneutik, Harmonik und Melodik immer noch geformten Lärm, den dreinschlagenden und fortschreitenden Takt.

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