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Madonna : Der Popstar als Terrorist

  • -Aktualisiert am

Auf dem Weg zum Licht: Madonna Bild: Warner Music

Eine neue DVD zeigt Madonna als eine von hohem missionarischem Fieber befallene Sängerin. In einem lichtvollen Moment des Films aber erklärt sie, was einen Popstar von einem Terroristen unterscheidet. Und hat damit wohl recht.

          Vor fünfzehn Jahren sah es einen kurzen Moment lang so aus, als würde die Erde aus ihrer Umlaufbahn geraten, damals, als ein Dokumentarfilm in die Kinos kam, dessen Thema die Popsängerin Madonna war: „In Bed with Madonna“. Es war eine Sensation. Noch nie dagewesen. Eine der berühmtesten Personen der Welt erlaubte der Kamera Zutritt zu ihren privatesten Momenten. Das Publikum konnte seinen Star beim Nachahmen von Oralsex sehen, am Grab der Mutter, auf dem Behandlungsstuhl eines Arztes. Irgendwann wurde auch ein vollkommen entsetzter Warren Beatty ins Bild gezerrt, zur Zeit der Dreharbeiten gerade der Mann an ihrer Seite, der für die exhibitionistische Neigung seiner Freundin nur Sarkasmus übrig hatte und selbst davon nicht viel. Kurze Zeit später trennten sie sich.

          Was Madonna seither gemacht hat, wissen wir. Sie hat zwei Kinder gekriegt, ist nach England gezogen, hat mehrmals Haarfarbe und Rocklänge geändert, das Schauspielen aufgegeben, ein paar Alben herausgebracht. Jetzt erscheint, parallel zur gerade laufenden Welttournee, eine neue Dokumentation über die Sängerin auf DVD. Regie führte angeblich der Schwede Jonas Åkerlund, der für seine Musikvideos bekannt wurde, die so schnell geschnitten waren, daß einem beim Zuschauen schwindlig werden konnte - für Prodigy drehte er „Smack My Bitch up“, für Madonna „Ray of Light“ (1998). Wer in Wahrheit bei der neuen Madonna-Dokumentation das Sagen hatte, stellen gleich die Anfangscredits unmißverständlich klar - nur für den Fall, daß irgend jemand eine Sekunde lang etwas anderes gedacht haben könnte: Als Executive Producer ist da ein gewisser „myself“ angegeben - ich selber, ich, Madonna.

          Es geht nur vordergründig um Oberflächlichkeiten

          Der Film begleitet die Sängerin auf ihrer letzten großen Tournee, der „Reinvention-Tour 2004“, ist von den ersten Proben bis nach dem letzten Konzert dabei. Madonnas Ehemann Guy Ritchie hat ein paar Gastauftritte, die er, was bleibt ihm anderes übrig, so männlich wie möglich gestaltet: Wenn er nicht gerade in einem Pub sitzt und Bier trinkt, ist er gerade auf dem Weg in ein Pub, um Bier zu trinken, oder er taucht gar nicht auf, weil er keine Lust hat, aus einem Pub zu kommen, in dem er gerade sitzt und Bier trinkt.

          Bei der Vorstellung ihrer Dokumentation in New York im Oktober 2005

          Es gibt ein paar Szenen mit den Kindern, mit Lourdes, die perfekt Französisch spricht und dieselbe Angewohnheit hat wie ihre Mutter, die Augen beim Sprechen immer einen Tick zu lang geschlossen zu halten, was ihr einen belehrenden Ausdruck verleiht. Ihr kleiner Bruder Rocco, der unglaublich lange schwarze Wimpern hat, scheint für sein Alter sehr gewitzt zu sein: Als Lourdes einmal ansetzt, in gewählten Worten zu erklären, daß ein Kinderbuch ihrer Mutter nur vordergründig von Oberflächlichkeiten handele, es aber im Grunde um die Notwendigkeit gehe, im Leben den größeren Zusammenhang zu sehen, „the bigger picture“, brüllt Rocco plötzlich los, als gelte es, mindestens das Haus zum Einsturz zu bringen: „What the heck are you talking abooooout?“

          Dann ist es ja nur eine Frage der Definition

          Es gibt Szenen mit den Tänzern der Show, alle jung, alle außerordentlich begabt. Außerdem laufen durchs Bild: Madonnas Vater und ihre Stiefmutter, Gwyneth Paltrow, ein Dudelsackspieler, Iggy Pop, die Pianistinnen Katia und Marielle Labeque sowie jede Menge gründlich verkabelter Bodyguards. Ansonsten gehört die Bühne alleine Madonna, und die nutzt sie auch, denn sie hat uns etwas Wichtiges mitzuteilen.

          Während des Vorspanns richtet sie sich schriftlich an uns: „Es geht um mehr im Leben als um Ruhm und Reichtum“, schlängelt sich eine zierliche Schreibschrift ins Bild, während Madonna als burkatragende Kunstinstallation zu sehen und zu hören ist, wie sie aus der Offenbarung des Johannes liest: „Es gibt etwas Tieferes, Wichtigeres. Ich werde euch ein Geheimnis erzählen.“ Dann springt das Geschehen in ein Tonstudio, in dem Madonna mit dem musikalischen Leiter ihrer Show sitzt und gerade darüber debattiert, warum er nicht an Gott glaubt. Nur so, sagt er. Ob er denn gar nicht glaube, daß etwas Höheres die Welt geschaffen habe? Er schüttelt vorsichtig den Kopf. Aber an irgend etwas, an irgendeine Energie müsse er doch glauben, nein, nichts? Er nickt, Energie, joah, damit könne er etwas anfangen, Energie sei okay. Na, dann sei es ja nur eine Frage der Definition gewesen, sagt sie zufrieden und läßt von ihm ab.

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