https://www.faz.net/-gqz-9qj9a

Neues Album von Taylor Swift : Nicht mehr „Everybody’s Darling“

  • -Aktualisiert am

Gesamtkunstwerk aus Musik, Make-up und Marketing: Taylor Swift Bild: CHAD BATKA/The New York Times/Re

Von der „arischen Göttin“ zur LGBTIQ-Aktivistin: Auf ihrem neuen Album „Lover“ wird Taylor Swift politisch. Dabei wollte sie sich doch eigentlich nur noch auf positive Dinge konzentrieren.

          3 Min.

          Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Im Booklet zu ihrem neuen Album schreibt Taylor Swift, sie wolle sich fortan nur noch auf die positiven Dinge in ihrem Leben konzentrieren. Inspiration dafür seien ihre alten Tagebücher gewesen. Aber bevor es so weit ist, muss offenbar noch einiges aus dem Weg geräumt werden. Die 29 Jahre alte Amerikanerin rechnet nämlich in knapp einer Stunde Spielzeit mit Verflossenen, Hatern und Donald Trump ab. „Lover“ besteht aus achtzehn Liedern, die – wie der Name schon verrät – vor allem von Liebe handeln. Liebe gegenüber sich selbst, Liebe gegenüber anderen. Und Ablehnung gegenüber allem, was sie zerstört: Krankheit, Trennung, Sexismus und Homophobie zum Beispiel.

          Schon vor der offiziellen Veröffentlichung seien eine knappe Million Exemplare vorbestellt worden, meldete das Branchenblatt „Variety“. Eine Zahl, die sich in Zeiten, in denen Musik kaum noch auf Tonträgern gekauft, sondern hauptsächlich im Internet gestreamt wird, durchaus sehen lassen kann.

          Auf den ersten Blick scheint sich das Album inhaltlich nicht von seinen Vorgängern abzuheben: Taylor Swift trägt traditionell in ihren Liedern Privatfehden aus, ob mit Kolleginnen oder mit Exfreunden. Ihre jahrelange Feindschaft mit Katy Perry beendete sie erst kürzlich öffentlich, natürlich wieder in einem Musikvideo. Auch die anderen Lieder auf „Lover“ setzen sich mit vergangenen und aktuellen Beziehungsdramen auseinander. Etwa wenn sie über einen „London Boy“ singt, unschwer zu erkennen als Joe Alwyn, ein britischer Schauspieler und Swifts aktueller Freund. Die folgenden Songs handeln von Trennungsschmerz („Death of Thousand Cuts“), Verlustängsten („Cornelia Street“) und Swifts Schuld am Scheitern bisheriger Beziehungen: „Sorry that I hurt you / It is all me / I’m the one who burned us down“ in „Afterglow“.

          Der Song „Me“ widmet sich dagegen der Selbstliebe und dem Individualismus. Das ist nicht gerade originell, rennt aber bei der Zielgruppe immerhin offene Türen ein: „I’m the only one of me / Baby, that’s the fun of me.“ Ernster wird es in der Ballade „Soon You’ll Get Better“, die sich an Swifts krebskranke Mutter richtet. Nichts scheint ihr zu privat zu sein, um darüber zu singen – die Entscheidung, das Lied zu veröffentlichen, traf sie gemeinsam mit ihrer Familie.

          Das Politische hatte Taylor Swift hingegen jahrelang als Privatsache geheim gehalten. Das ändert sich jetzt: Ihre Texte sind zum ersten Mal politisch. Vor kurzem noch wurde die Künstlerin von Liberalen als Feministin und von der rechtsextremen Alt-Right-Bewegung als „arische Göttin“ gefeiert – ohne sich je positioniert zu haben. Sie galt deshalb als „Everybody’s Darling“, was ihr nützte: Schließlich wurde sie von allen verehrt.

          Diese Zeiten sind vorbei. Vor den Zwischenwahlen im November sprach sich die Künstlerin in sozialen Netzwerken für die Demokraten aus und engagierte sich für das Gleichstellungsgesetz „Equality Act“. Spätestens da war es dann schon vorbei mit „Everybody’s Darling“ – ihr bisher treuer Fan Donald Trump sagte anschließend, er möge ihre Musik jetzt 25 Prozent weniger. Es dürfte bald noch weniger werden: In ihrem neuen Song „You Need to Calm Down“ tritt Swift für die Rechte von Homo- und Transsexuellen ein. Im dazugehörigen Musikvideo ist sie zwischen vielen bekannten Gesichtern der amerikanischen LGBTIQ-Community zu sehen. Am Dienstag wurde der Clip bei den MTV Video Music Awards ausgezeichnet. Für ihre Botschaft gegen Homophobie erhielt sie außerdem den Preis „Video for Good“. Die Verleihung nutzte sie für einen Aufruf zur Achtung der Rechte von LGBTIQ-Menschen. Der Award sei ein Beleg dafür, dass ihre Fans eine Welt wollen, in der alle nach Gesetz gleich behandelt werden, sagte Swift dort.

          Auch der Song „Miss Americana & the Heartbreak Prince“ – der sich als College-Romanze tarnt – lässt sich als Swifts Sorge über den Zustand Amerikas interpretieren: „My team is losing, battered and bruising / I see the high fives between the bad guys/ (...) American stories burning before me / I’m feeling helpless, the damsels are depressed / Boys will be boys, where are the wise men?“ Als bekannte Verfechterin der Gleichberechtigung setzt sich Taylor Swift in „The Man“ außerdem mit Sexismus und Ungerechtigkeit aufgrund des Geschlechts auseinander. Als Frau könne man sich noch so sehr anstrengen, als Mann wäre man dennoch schneller am Ziel: „I’m so sick of running as fast as I can / Wondering if I’d get there quicker if I was a man.“

          Auch musikalisch unterscheidet sich „Lover“ von seinem Vorgänger „Reputation“. Swift verabschiedet sich von ihren Rap-Versuchen und widmet sich stattdessen wieder dem, was sie am besten kann: ihrem hellen, kraftvollen Gesang. Geblieben sind synthetische Pop-Beats, die jedoch weniger aggressiv klingen als auf ihrem letzten Album. Songtexte wie die von Swift brauchen eben keine üppige Instrumentierung – die Sängerin möchte eindeutig gehört und verstanden werden, nun, da sie endlich Stellung bezieht.

          Das Ende widmet sie dann aber doch wieder dem großen Thema ihres Albums: der Liebe. „I wanna be defined by the things that I love / Not the things that I’m afraid of / Not the things that haunt me in the middle of the night / You are what you love.“ Das vermutlich stärkste Statement der Platte – und durchaus politisch zu verstehen.

          Weitere Themen

          Mit diabolischem Vergnügen

          Houellebecq-Hörspiel-Box : Mit diabolischem Vergnügen

          Hörspiele kompensieren die Schwächen von Romanen: Mit verzweifelter Gutmütigkeit und feiner Ennuie setzt eine „Hörspiel-Box“ den wichtigsten Romanen Michel Houellebecqs ein Denkmal.

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Der Berliner Senat hat sich beim Mietendeckel geeinigt.

          Geplanter Mietendeckel : So will Berlin Vermietern die Preise diktieren

          Der Berliner Senat will seinen umstrittenen Mietendeckel beschließen. Während ihn manche als „historisch“ loben, kündigen CDU und FDP bereits Klagen an. In anderen Städten wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.