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Lou Reed ist tot : Leben und Leiden für den Rock’n’Roll

  • -Aktualisiert am

Lou Reed (1942-2013) Bild: dpa

Er war wahrscheinlich nicht der sympathischste Rockmusiker, dafür aber einer der größten und dazu geistig kühnsten unserer Zeit. Mit seiner Band Velvet Underground hat er Musikgeschichte geschrieben. Zum Tod von Lou Reed.

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          Man wusste, dass er nicht mehr sehr gesund war; aber diese Nachricht kommt trotzdem überraschend und ist für die Rockwelt ein Schock: Lou Reed ist tot, gestorben im Alter von 71 Jahren in seiner Heimatstadt New York. Über die Bedeutung dieses Musikers wird man wohl noch lange streiten – eines war er ganz sicher nicht: ein „Average Guy“, wie er sich auf seiner Platte „Blue Mask“ 1981 mit einer auch sein übriges Werk kennzeichnenden Koketterie nannte.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Seine wichtigste Zeit hatte er zweifellos bei Velvet Underground, jener von Andy Warhol 1965 in New Jersey zusammengestellten und im Image auch stark geprägten Band, die 1967 auf dem Jazzlabel Verve mit der in vielerlei Hinsicht bahnbrechenden Platte „The Velvet Underground And Nico“ debütierte. Es ist, nicht nur wegen des legendären Bananencovers von Warhol, eines der einflussreichsten Alben der Rockgeschichte, dessen künstlerische Kraft nur oberflächlich mit den Vorstellungen des Popartisten zu tun hat. Schon hier war Lou Reed, als hauptsächlicher Sänger und Songschreiber, die dominierende Figur; er ließ seinen alles andere als durchschnittlichen Sehnsüchten und Ängsten nicht nur für damalige Verhältnisse schockierend freien Lauf und präsentierte auf einen Schlag seine Lebensthemen: Homosexualität, Sadomasochismus („Venus in Furs“) und Sucht („Heroin“, „I‘m Waiting for the Man“).

          Erfahrungsgesättigte Lyrik

          Lou Reed, der seine Gitarrenakkorde als akustische Entsprechung zur insgesamten Scheußlichkeit der Welt ansah, sang seine mutmaßlich erfahrungsgesättigte Lyrik, mit der er sich wohl eher als eine Art Baudelaire sah denn als herkömmlichen Rockpoeten, in aufreizend kühl-unbeteiligter Manier, bei der oft nicht recht zu sagen war, ob er vor ihren Inhalten nun warnte oder sie nicht doch eher anempfahl. Stimmlich war er nahe bei Bob Dylan, in den Musikstilen aber weniger vielseitig.

          Lou Reed (1942 - 2013) Bilderstrecke
          Lou Reed (1942 - 2013) :

          Eher und ungeachtet seiner späteren Hochkulturausflüge, die eine Zusammenarbeit mit Robert Wilson und Poe-Vertonungen abwarfen und wahrlich Geschmackssache sind, sah er in der Rockmusik ein Medium, das mittels Schock therapiert – der Song „Rock’n’Roll“ führt dies, verschlüsselt mit einer Klein-Mädchen-Biographie, exemplarisch vor.

          Nach dem Ende von Velvet Underground, die bis 1970 noch ein paar bemerkenswerter Platten machten – darunter eine vorzügliche Live-Doppel-LP mit ihm als großartigem Sänger und das gegen seinen Willen herausgebrachte, ebenfalls hochinteressante „Loaded“ – wusste er das Publikum mit glänzenden, sofort kanonisch gewordenen Platten und Popsongs wie „Transformer“ und dem darauf enthaltenen „Walk on the Wild Side“ entweder zu faszinieren oder, mit dem so sperrigen wie schwülstigen „Berlin“, ratlos oder einfach bloß erbost zurückzulassen. In dieser Zeit war Lou Reed der wahrscheinlich umstrittenste Rockmusiker aus der ersten Reihe.

          Große Rockmomente und peinliche Einlagen

          Seine Formschwankungen behielt er lange bei – bis er 1988 sein Solo-Meisterwerk vorlegte: „New York“ war eine handwerklich so perfekte wie beiläufig besungene Rückbesinnung auf seine jungen Jahre auf der Lower East Side, deren Außenseiterszene er unter allen Musikern, die diese Stadt hervorgebracht hat, vermutlich am tiefsten durchdrungen hat. Ähnlich würzig und pointiert klang drei Jahre später das Soundtrack-Album „Magic And Loss“.

          Lou Reed sah seine Konzerte, ähnlich wie der junge Peter Gabriel, als Bewusstseinserweiterung und eigentlich auch Besserungsanstalt; wegen seines bisweilen brüskierenden Verhaltens waren sie reine Glückssache – große Rockmomente wechselten ab mit ausgesprochen peinlichen Einlagen. Unter seinen Spätwerken ist „Ecstasy“ (2000 ) hervorzuheben, eine wuchtig-gediegene, bis heute unterschätzte Liedersammlung, die ihn noch einmal als perfekten, ungemein treffend formulierenden Songschreiber auswies. Vor zwei Jahren brachte er mit den in gewissem Sinne geistesverwandten Heavy-Rockern Metallica die Wedekind-Verarbeitung „Lulu“ heraus. Live musizierte er, der seine Lebensgefährtin Laurie Anderson 2008 schließlich doch noch geheiratet hat, bis fast zuletzt.

          Lou Reed war wahrscheinlich nicht der sympathischste Rockmusiker; er konnte sehr rechthaberisch sein und bei Interviews ausgesprochen unangenehm werden. Aber er war ganz sicher einer der größten, geistig kühnsten.

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