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Leslie Mandoki im Gespräch : „Heute bin ich Deutscher“

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Schnauzbart und Mähne begleiten Mandoki seit den Tagen von Dschingis Khan. Bild: Leslie Mandoki, Bobby Kimball, P

Er war Dschingis Khan. Aber er liebt nur den Jazzrock. Jetzt will der gebürtige Ungar Leslie Mandoki mit improvisierter Musik auch Politik machen: ein Gespräch über Flüchtlinge, seinen Fan Viktor Orbán und die CSU.

          Er hat gerade eine Verdienstmedaille des Landes Bayern erhalten und war mit einer Supergroup des Jazz auf Tour. Man hört wieder viel von Leslie Mandoki, einem gerade noch fast vergessenen Star der deutschen Musikszene. Der Schlagzeuger und Produzent hat mit Phil Collins und Lionel Richie gearbeitet, Songs für die CDU und den FC Bayern München geschrieben. Nun will er mit Musik den Geist von Europa wieder beleben.

          Sie waren gerade mit Ihren Soulmates auf Tour, einer Supergroup aus den Größten des Jazzrock, Randy Brecker an der Trompete, dem Saxophonisten Bill Evans, Till Brönner, Klaus Doldinger, Al Di Meola und anderen. Wie haben Sie diese großen Musiker zusammengebracht?

          Das sind alles langjährige Freunde. Wir spielen schon seit 25 Jahren zusammen. Seit unserem ersten gemeinsamen Album und einem Konzert bei der Eröffnung des Sziget-Festivals in Budapest vor über 100.000 Leuten.

          Man kennt Sie als den Kopf der Band Dschingis Khan. In den 70ern tanzten Sie mit nacktem Oberkörper und langer Mähne auf Bühnen. Wie passt das zum Jazz auf Weltniveau?

          Ich habe intellektuellen Jazzrock schon in Teenager-Tagen gespielt. 1975 bin ich vor der Zensur aus der kommunistischen Diktatur Ungarns geflohen, um mich als Musiker künstlerisch frei entfalten zu können. Als ich in München angekommen war, hat mich Klaus Doldinger in der Studioszene empfohlen. Dschingis Khan war dann eine Kumulation von Zufällen. Ich wollte im Grunde immer nur Jazzrock machen.

          Hits wie „Moskau“ kennt jedes Kind. Darauf könnte man stolz sein.

          Ich habe mich damit einfach nicht wohl gefühlt. Vielleicht hätte ich es genießen sollen. Das konnte ich jedoch damals nicht. Ich bin dann einige Zeit nach New York und Los Angeles gegangen, später nach London.

          Sie sind gebürtiger Ungar, 1953 geboren. Wie wird man Fusion-Jazzer im Ostblock?

          Ich erinnere immer daran, was 1956 passiert ist. Beim ungarischen Volksaufstand wurde in die friedlich für mehr Freiheit demonstrierende Menge geschossen. Ich war damals drei Jahre alt. Mein Vater, ein großartiger Musiker, sagte später immer: Du lebst nicht in Freiheit, du lebst in einer Diktatur. Da hast du nur eine einzige Chance auf Freiheit, das ist Bildung. Deswegen habe ich geübt und geübt.

          Ein langhaariger Drummer in der Mitte, um ihn die Größen des Jazz: die Mandoki Soulmates, im März in Paris

          Und doch flohen Sie?

          Ich wurde wegen meiner Musik mehrfach verhaftet und entschied mich schließlich zur Flucht. Sie wurde ein Drama, ich bin mit anderen durch einen acht Kilometer langen Eisenbahntunnel geflohen, der von bewaffneten Grenzpolizisten bewacht wurde. Der Tunnel war so eng, dass uns ein vorbeifahrender Zug mitgerissen hätte. Alle 50 Meter gab es eine kleine Einbuchtung für Gleisarbeiter, in der aber nur einer Platz hatte. Wir rannten um unser Leben. Ich hatte Todesangst.

          Sie kamen also als Flüchtling nach Deutschland.

          Ich saß dann in einer deutschen Amtsstube und stellte einen Asylantrag. „Was wollen Sie hier tun?“, fragte man mich. Meine Antwort war: Ich möchte mit Ian Anderson von Jethro Tull, mit Jack Bruce von Cream und mit Al Di Meola in einer Band spielen. Es gibt wirklich eine Akte, in der das steht. Das habe ich damals zu Protokoll gegeben, und das ist alles wahr geworden. Ich wollte eigentlich weiter in die Vereinigten Staaten. Doch dann habe ich mich in die deutsche Mentalität verliebt. Heute bin ich Deutscher. Ich habe mich in Goethes und Schillers und Bachs und Beethovens Land verliebt und vor allem in die Herzlichkeit der Menschen, die mich damals aufgenommen hatten.

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