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Leslie Mandoki im Gespräch : „Heute bin ich Deutscher“

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Es geht immer nur um die Musik. Ich habe mit den Soulmates eine Band aus Bandleadern. Die genau wissen, dass zu viele Egos Musik zerstören können, Musik ist eine gemeinschaftliche Kunstform. Wir sind eben keine Maler. Let the music do the talking, der Satz erklärt meinen gesamten künstlerischen Lebensweg. Für einen wie Jack Bruce zählte nur eines: Die Musik muss stimmen und eine Aussage haben.

Wissen Ihre Bandkollegen denn, dass Sie einst Dschingis Khan waren, der barfüßige Tanzteufel?

Heute noch zeigen die Musiker manchmal alte Aufnahmen von mir herum. Al Di Meola hat seine neue Frau bei unserem Konzert kennengelernt und kürzlich in Deutschland geheiratet. Auf der Party war es wieder so. Da hieß es: Weißt du, was er da gemacht hat? Alle lachten dann. Es ist ein Teil meiner Vergangenheit, aber es spielt keine Rolle für die Musik. Es geht um den Jazzrock, er lebt auf der Bühne und unseren inzwischen zehn gemeinsamen Alben.

Ihre Konzerte nennen Sie „Wings of Freedom“ und reden auf der Bühne viel über Europapolitik. Verlangen Sie nicht zu viel vom Jazzrock?

Jazzrock ist eine Kunstform, die heute nicht mehr so verbreitet ist. Das war mal ganz anders. Es gab Jethro Tull oder Emerson, Lake and Palmer, die Bedeutungsschwangeren. Und Return to Forever oder Weather Report, die komplexen Künstler. Herrliche musikalische Welten, die man wiederentdecken sollte. Heute beleben wir diese Kunstform wieder mit sozialkritischen Texten und jungen Künstlern, die bei uns spielen, wie etwa der Keyboarder Cory Henry von Snarky Puppy. Das ist unbequem. Diese Musik kann komplexe Reflexionen zum Ausdruck bringen, etwa die Suche nach neuer Freiheit.

Sie setzen sich sehr für den Dialog mit Ungarn ein. Sind Sie ein Orbán-Anhänger?

Ich bin Willy-Brandt-Anhänger und will Brücken bauen. Das war Brandts Stichwort.

Orbán steht in der Kritik, etwa dass er die Pressefreiheit einschränke.

Ich suche immer Primärinformationen. Also frage ich Leute im Land. Neulich in einem Budapester Hotel habe ich die Fernsehsender durchgezappt. Gleich auf drei Sendern ATV, HirTV und RTL-Klub gab es zu diversen Themen massive, kritische Berichterstattung gegen die Regierung. Dass sich die Meinungsvielfalt einengt, gibt es aber auch gerade bei uns, weil inzwischen viele voneinander abschreiben als Folge der Digitalisierung und der dramatischen Verkleinerung der Redaktionen. Das sehe ich als bedauerliche Entwicklung. Und Korrespondenten gibt es leider auch kaum noch. Es ist gefährlich, wenn wir nicht mehr unterschiedliche Ansichten erkennen können, um deren Deutungshoheit gerungen wird. Deshalb ist freie Presse ein schützenswertes, wertvolles Gut.

Spielt die Musik selbst denn da noch eine Rolle?

Viktor Orbán kam nach meinem Konzert in München auf mich zu und gratulierte zu unserer Musik. Er ist ein Oxford-Absolvent. Man kann mit ihm über Schopenhauer und Kant diskutieren. Sehen Sie: Der Musiker, der Angela Merkel unterstützt, tauscht sich auch gerne mit dem ungarischen Ministerpräsidenten aus. Das meine ich mit Brücken bauen in der Tradition von Willy Brandt.

Udo Lindenberg, in den 70ern ein junger Jazztrommler wie Sie, füllt heute Stadien mit Rockmusik. Sind Sie neidisch?

Er ist ein Freund, ein Soulmate. Ich freue mich unendlich für Udolius Maximus. Er steht für Freiheit und Toleranz. Das ist phantastisch, dass ihm so viele folgen. Ich auch.

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