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Lena Meyer-Landruts erstes Album : Jemand hat den Kassettenrecorder geklaut

  • -Aktualisiert am

Und seit Freitag heißt sie Lena – und singt sich warm für Oslo Bild:

Sie heißt jetzt nur noch Lena - und ist so unglaublich nett und unbefleckt, dass jeder sie mögen muss. Das hört man ihrem ersten Album auch an: Alles so flach, süß und easy, dass man sich einen Hauch von Abgrund wünscht.

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          Seit Freitag heißt sie Lena. Nur noch Lena, für alle. Sie ist so sympathisch. Und sie ist schlagfertig. Ja, sie ist so unglaublich normal und nett und unbefleckt, dass es niemandem möglich sein kann, sie nicht zu mögen. Heilige Jungfrau, Lena Maria Meyer-Landrut, bitte für uns. Sing für uns in Oslo. Und dann ist auch noch wunderbarerweise alles genau der Reihe nach passiert, genau zum richtigen Zeitpunkt in dieser Woche, wie vom Herrn Raab bei den Medienkollegen bestellt.

          Am Montag die Abiprüfung (mündlich); am Dienstag der Pranger (die Enthüllung der RTL-Castingvorvergangenheit mit einem so billig gepixelten Busen-Foto in „Bild“, dass allein das schon wieder ehrenrührig ist); was dann für den Donnerstag die flammendsten, ritterlichsten Kommentare provozierte und wozu sie selbst am Mittwoch einen so netten, normalen Satz parat hat, wie man ihn gar nicht oft genug zitieren kann: „Bei uns in der Familie hat man immer gesagt, in der Zeitung von heute wickelt man morgen den Fisch ein.“ Am Freitag, vorgestern dann: das erste Album.

          Statt „Ich hab dich so lieb“ heißt der Subtext „Verpiss dich“

          Was ist drauf? Dreizehn Titel, vier alte, neun neue. Fünf sind gecovert, den Rest hat Stefan Raab mit Lena gemeinsam binnen kürzester Frist neu geschrieben. Track 1, „Satellite“, können wir längst auswendig, britische Buchmacher sagen voraus: Dies sei der Sieg. Eine Trotzgörenstimme, anfangs verschwindet sie fast hinter dem synthetischen Bass, passt weder zum Text noch zur Botschaft. „Satellite“ erzählt etwas Poesiealben-Himmelblaues mit Blümchen darüber, wie hin und weg ein verliebtes Mädchen ist, und was sie so alles tut für ihren Kerl, „love o love“, in schlicht gebrochenen Dreiklängen. Nach der ersten Strophe wird das Arrangement akustisch dichter, wärmer, natürlicher, der künstlich-boshafte Kindertonfall aber bleibt, so kalt wie gehabt, und gehört nun auch deutlich zu einem völlig anderen Szenario, statt „Ich hab dich sooooo lieb“ heißt der Subtext des Timbres jetzt: „Verpiss dich“.

          Dass Lena einen Kassettenrekorder hatte, muss schon länger her sein - zumindest ihrem Schlagerrefrain nach zu urteilen

          Ein Widerspruch, der den harmlosen, etwas dämlichen Song erst so richtig interessant macht. Das zweite Lied ist neu, kein Cover, selbstgebaut. Hat auch gleich etwas Pausbäckiges, Persönliches, und keinen doppelten Boden, aber es ist immerhin titelgebend fürs Album: „My Cassette Player“. Jemand hat dem Kind den Kassettenrecorder geklaut. Muss aber schon länger her sein, dem Schlagerrefrain nach zu urteilen. So etwas wurde auf Deutsch in den Sechzigern gesungen, die Verse, leicht verstolpert, wirken auch wie aus dem Deutschen ins Englische übersetzt, vermutlich shakiramäßig mit Hilfe eines Reimlexikons.

          Eine Raupe wanzt sich bluesballadenhaft heran

          Dass sich „girl“ auf „world“ reimt, funktioniert reibungslos nur dank dieses speziellen Lenaschen Lister-Meile-Cockney, bei dem auch mal halbe Silben wegfallen können. Alle von Raab und Lena geschriebenen Songs kokettieren mit diesem seltsam karikaturhaften Kunstenglisch, das oft an Nonsenslyrik erinnert in der Tradition von „Waddehaddeduddeda“. Oder was soll man halten von der Auskunft in Track 4: „I like to bang . . .“ (ja, was denn nun), „ . . . my head / It’s nothing sweet as that / Until my mind blasts off / I never get enough“?

          Oder von der bluesballadenhaft sich heranwanzenden Raupe im Regen, die sich fühlt „like in a bow“, weil sich das so schön auf „now“ reimt, und im Übrigen bescheiden weiter an ihrem Blatt knabbert (Track 6)? Andererseits: Texte für Tanzmusik brauchen weder sinnvoll noch verständlich sein. Keine Menschenseele wird ja im Ernst Interesse dafür aufbringen können, ob Lenamädchen nun ihren geliebten Kassettenrekorder am Ende wiederkriegt oder nicht, und wozu sie überhaupt einen braucht.

          Wir beginnen uns zu langweilen

          Lena singt absolut intonationssicher. Die knabenhafte Flachheit ihrer Stimme hat einen starken Wiedererkennungsbonus. In sämtlichen original für das Album geschriebenen Songs ist das natürlich berücksichtigt worden, entsprechend klingt einer wie der andere, das nutzt sich dann aber leider sehr schnell ab, wir beginnen uns zu langweilen. Interessant wird es, wenn Lena ihre Stimme, wie etwa in der Coverversion von „Not Following“ an ihre Grenze führen muss und irgendwie, hopperla, ins Kopfregister hinüberwackelt. Lena Meyer-Landrut hat ja nicht nur keine Atemtechnik, sie hat vor allem einen kleinen Ambitus. Mehr als eine Oktave ist nicht drin. Na und? Es gibt viele Frauen, die mit weniger als nur einer Oktave und mit absoluter flachgeplätteter Monochromie trotzdem supergute Lieder kreiert haben, Nena zum Beispiel oder Doris Day; und arbeitete nicht auch Ozzy Osbourne mit einem, nun ja, überschaubaren Tonvorrat?

          „Not Following“, im Original gesungen von Ellie Goulding (2010), ist der erste Song auf diesem Album, den man gern mal wieder hören würde. Grenzwertig gesungen, gut arrangiert. Die besten der dreizehn Songs sind, wie gesagt, die Coverversionen, sie stammen von relativ unbekannten Singersongwritern jüngeren Datums. Nicht bei allen freilich glückt die Adoption. Für die Swingballade „My Same“, gecovert von Adele, fehlt entschieden das Jazzfeeling. Das plätschert und piepst nur liebenswürdig-kindlich an der Peripherie herum – keine Frage des Alters, eher eine der Ernsthaftigkeit. Und auch für„Mr. Curiosity“ von Jason Mraz, eine feine Bluesballade in Moll, die explizit nach Kopfstimme verlangt, wünschte man sich einen Hauch von Abgrund. Stattdessen: Alles lieb, süß, flach und easy. Lenas Lieder müssen möglichst vielen Menschen gefallen. Ihr Zielpublikum ist das denkbar breitest gefächerte, niemand darf überfordert werden, keiner ausgeschlossen sein. Dies ist das oberste Gebot bei der Produktion dieser Musik gewesen, man hört es ihr leider an.

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