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Das neue Album von Ben Kweller : Wir können alles, außer uncool

  • -Aktualisiert am

Das Leben geht mal rauf, mal runter: Ben Kweller spielt den Country schnörkellos Bild: Rough Trade

Die Byrds gaben den Weg vor: Der amerikanische Rockmusiker Ben Kweller nimmt auf seinem Weg zum Gipfel einen Umweg über die Prärie und hat ein Country-Album aufgenommen, das auf alle Alternative-Mätzchen verzichten kann.

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          Für den Erfolg ist es in der Regel unerheblich, ob man sympathisch wirkt. Bei den ganz großen Stars, in der Liga Jagger, Gallagher oder Doherty, dürfte ein sympathisches Wesen wahrscheinlich sogar hinderlich sein. Distanz und Arroganz geben der Popgestalt eine Entrücktheit, die gerade Bedingung für allerlei Projektionen ist. Kann ein Kumpeltyp jemals wirklich Star sein?

          Es ist aber schwer, Ben Kweller nicht zu mögen. Nach seinem Konzert im Berliner Lido, auf dem er Songs seiner neuen Platte vorstellte, verabredete Kweller sich mit seinen Fans am Merchandising-Stand und arbeitete dann die lange Schlange geduldig ab, begrüßte jeden Zuschauer mit Handschlag, signierte und flirtete und schien sichtlich neugierig darauf zu sein, wer sich denn in Deutschland seine sehr amerikanische Musik angehört hatte.

          Der Weg zum Country

          Dass sein neues Werk „Changing Horses“ - der Titel ist Programm - nach drei Rockplatten jetzt eine ganz entspannte, zurückgelehnte Countrypop-Platte geworden ist, kann man auch von Kwellers Naturell her konsequent finden, ist dies doch eine Musik der kleinen Städte und kleinen Leute. Das schicke Kalifornien (wo Kweller geboren wurde) und das vibrierende Brooklyn (wo Kweller zum Rockstar reifte) sind weit weg; das Album wurde in wenigen Tagen in Austin, Texas, aufgenommen, wo Kweller mit seiner Familie seit kurzem lebt (und wo auch seine Wurzeln liegen, er wuchs in Greenville auf).

          Zugleich arbeitet Kweller weiter an seinem Projekt, sich den ganzen Backkatalog amerikanischer Musiktraditionen nach und nach einzuverleiben: Noch als Jugendlicher kam er mit der Punkband Radish bis in die Charts, seine Solokarriere begann mit den beiden herausragenden Alben „Sha-Sha“ und „On My Way“ als Legierung aus dem Singer/Songwriter-Gestus der Siebziger und Indie-Rock; mit dem dritten Album „Ben Kweller“ von 2006 plünderte er im Klischee-Fundus des lange verfemten Mainstream-Rock (ähnlich wie Ben Lee oder die grandiosen The Hold Steady). Den Weg zum Country hat ebenfalls die Rockgeschichte vorgezeichnet. Schließlich waren es seinerzeit die Byrds, die, nachdem sie bereits den für die Siebziger stilprägenden Folkrock erfunden hatten, 1968 mit „Sweetheart of the Rodeo“ eine der ersten Countryrock-Platten überhaupt aufnahmen (mit Gram Parsons, für Kweller sicher ein Haupteinfluss, aber für wen nicht?).

          Das ewige Stehaufmännchen

          Einfacher werden - unter diesem Motto stehen die neuen Songs, die Kweller mit seiner kleinen Band, verstärkt durch den Pedal-Steel- und Dobro-Spieler Kitt Kitterman, äußerst luftig und transparent eingespielt hat. Zehn Lieder sind auf der Platte, ganz wie früher, und sogar für den Vinylfan schön auf A- und B-Seite verteilt. Es ist eine Platte ohne Ecken und Kanten, ohne jeden Produktionsschnickschnack, aber auch ohne jenen latent aggressiven, punkigen Zug, den Kweller live an den Tag legt und der auch seine Stimme von Jackson-Brown-hafter Klarheit ins Gequälte und Soulige umschlagen lassen kann.

          Kweller schlüpft in die Kluft eines vom Leben gebeutelten Truckers, der sich nicht unterkriegen lässt („Fight“), oder des einsam gebliebenen Hinterwäldlers, der die Masche der ihn anmachenden Traumfrau von der Westküste zu durchschauen glaubt, aber sich vielleicht auch einfach nicht traut und eine Ausrede braucht („She just wants me wantin' her again“). Es ist die uramerikanische Ideologie des ewigen Stehaufmännchens, des nicht unterzukriegenden Kämpfertyps, der Kweller hier huldigt. Dass das ohne Peinlichkeiten funktioniert, liegt an seiner Kunst, auch die Rollenlyrik völlig überzeugend mit den introvertierten, melancholischen Zügen seines Wesens zu verschmelzen. Gerade in Balladen wie „Old Hat“ oder „Ballad of Wendy Baker“ läuft Kweller zu Bestform auf; hier lässt sich am leichtesten der Bogen zu seinen größten Songs wie „Family Tree“, „In Other Words“ oder „Thirteen“ schlagen.

          Das Leben, ein Kampf

          Man merkt, dass es nach der ganzen Alternative-Country-Welle der Neunziger mit Uncle Tupelo, Wilco, den Jayhawks oder Ryan Adams nicht mehr nötig ist, irgendetwas an dieser Musikrichtung zu „dekonstruieren“. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose oder eben (bei Kweller) eine „Gypsy Rose“, und ein Countrysong ein Countrysong, ohne dass er noch irgendetwas anderes sein müsste. Und deswegen geht es einem mit der neuen Kweller-Platte wie schon mit der vorigen. Beim ersten oder zweiten Hören denkt man, das kann man doch so simpel nicht mehr machen. Und dann singt Kweller vom „Sawdust Man“, der an der Bushaltestelle auf sein „Baby“ wartet, und bettelt und wimmert, dass sie endlich nach Hause kommt, und man stimmt fröhlich ein.

          Das Leben ist ein Kampf, mal geht es runter und dann wieder rauf; es ist eben wie beim Kartenspiel, wo man auch mit dem Blatt auskommen muss, das gegeben wurde, und notfalls eben auch mal bluffen muss: „Some days are aces and some days are faces and some days are twos and threes.“ Ben Kweller macht das Beste draus.

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