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Lana Del Reys neues Album : High am Kai oder kaputt in Hollywood?

  • -Aktualisiert am

Lana Del Rey 2019 Bild: Universal Music

Wer nicht glücklich ist, kann es auch an der amerikanischen Westküste nicht werden, singt Lana Del Rey auf ihrem kalifornischen Konzeptalbum „Norman Fucking Rockwell“. Und behauptet auch gleich das Gegenteil.

          3 Min.

          Zugegeben, an Liedern und sogar Konzeptalben, die Kalifornien als Inbegriff der amerikanischen Seele ausmalen, oft in einem Kippbild, ist die Popmusik nicht arm. Die Red Hot Chili Peppers schienen unter dem prägnanten Titel „Californication“ dazu schon Endgültiges gesagt zu haben, der etwas weniger bekannte Father John Misty hat mit „Fun Times in Babylon“ noch mal einen draufgesetzt. Aber dann kam auch noch Lana Del Rey, die sich nun schon seit ein paar Jahren zwischen Venice Beach und Laurel Canyon herumtreibt und darüber ganz unterschiedliche Songs von wellenreitender Hochstimmung bis zu tiefer Todessehnsucht gemacht hat. Ja, was denn nun, „Lust for Life“ oder „Born to Die“? Die Kippbild-Lebenserfahrung sagt uns: wahrscheinlich beides. Und anschließend schön drüber singen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Mit dem Album „Norman Fucking Rockwell“, das nun endlich erschienen ist, nachdem schon vor einem Jahr eine Welle von Singles daraus angerollt war, hat sie die kalifornische Musikgeschichte um ein weiteres Konzeptwerk bereichert. Es kreist um lauter Identifikationsorte, Namen und Verweise, man wird geradezu bombardiert mit Anspielungen, die von den Beach Boys über die Mamas & Papas bis zu Kanye West reichen, literarisch gesehen von Aleister Crowleys schwelgerischer Stranddichtung bis zu John Steinbecks Härte und Charles Bukowskis „Kaputt in Hollywood“.

          Lana Del Rey 2019
          Lana Del Rey 2019 : Bild: Universal Music

          Ein Song heißt denn auch „California“, ein anderer „Venice Bitch“. Der Albumtitel dreht sich ebenfalls um einen Inbegriff: nämlich den Namen Norman Rockwell für jenes amerikanische Leben schlechthin, das der 1978 gestorbene Maler und Illustrator für mehrere Generationen prägend festgehalten hat. „Paint me happy and blue / Norman Rockwell“, singt Lana Del Rey in einem Lied. Aber es scheint Sarkasmus im Spiel zu sein. Die Unterbrechung des Namens mit dem ungläubiges Staunen suggerierenden Einwurf „fucking“ im Titel hat die Sängerin bereits in einem Interview erklärt: „Das ist also jetzt der amerikanische Traum: Wir fliegen zum Mars und Trump ist Präsident!“

          Wie Exposés für Romane oder Filme

          Zum Glück sind Liedtexte und Musik auf dem Album überraschender als dieses Statement; es taugt immerhin dazu, die Grundstimmung einer Desillusionierung festzuhalten, die hier über allem liegt. „I moved to California but it’s just a state of mind“, heißt es einmal. Wer nicht glücklich ist, kann es also auch dort nicht werden. Wenig später wird allerdings schon wieder das Gegenteil behauptet. Dieser Zug ins Bipolare ist seit langem typisch für die Kunstfigur Lana Del Rey, die 1985 als Lizzy Grant in New York geboren wurde.

          Die kalifornische Szenerie schmückt sie in den eindrücklichen, textreichen und teils überlangen Songs so genau aus, dass diese wie Exposés für Romane oder Filme klingen: „All the ladies of the canyon / Wearing black to the house parties / Crosby, Stills and Nash is playing / Wine is flowing with Bacardi.“

          Die alles durchsetzende Melancholie

          Dem spürbaren Ennui entflieht die über Klavierballaden und dunklen Synthie-Teppichen manchmal entrückt trällernde Sängerin mit einem rettenden „Bartender“, der allerdings nur „Cherry Coke“ servieren darf, weil sie offenbar auf Entzug ist. Die säuselnde Derbheit, mit der sie Zeilen wie „You fucked me so good I almost said ,I love you‘“ vorträgt, hat trotz aller Abnutzung von Provokation in der Popkultur noch etwas Provokantes, vielleicht auch Belustigendes. Seit langem spielt Lana Del Rey in ihren Songs und Videos mit ungern gesehenen Frauenbildern, besonders dem der einem schlechten Mann hilflos verfallenen Frau. Schon immer hatte das allerdings, in Verbindung mit Fünfzigerjahre-Ästhetik und Retrosounds, bei ihr auch etwas Spielerisches, Augenzwinkerndes.

          Mit dem großartigen Lied „Mariners Apartment Complex“ etwa scheint sie nun ein Gegenbild evozieren zu wollen. „I ain’t no candle in the wind“, singt sie da. Man muss nicht Elton John hören, um das zu verstehen, und auch nicht Robert Frost kennen, wenn sie an anderer Stelle sumselt: „Nothing gold can stay“. Aber ein gefundenes Fressen für Interpreten ist das natürlich allemal, lässt es doch Puzzleteile in dem großen Americana-Wehmutskomplex erkennen, den sie in Liedern, erst recht in ihren ausgefeilten Musikvideos aufbaut.

          Auf diesem Album gelingt es ihr und dem Produzenten Jack Antonoff, dass man die alles durchsetzende Melancholie, bisweilen Trauer durchaus ernst nimmt, die manchmal in gesungene Kulturkritik umschlägt: „Look at you kids with your vintage music / Comin’ through satellites while cruisin’ / You’re part of the past, but now you’re the future“ – Ja, da kann einem schon angst und bange werden! Es ist die schöne Paradoxie bei Lana Del Rey, dass die Musik dazu weiter in schönster Retromanie schwelgt. Und es gehört zu ihrem Witz, dass das an die in der Vergangenheit steckengebliebenen „Kids“ gerichtete Zitat nicht zuletzt eine Selbstbeschreibung ist.

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