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Lady Gaga in Berlin : Ihr Sei-du-selbst-Evangelium

  • -Aktualisiert am

In Berlin waren keine Pressefotografen zugelassen - unser Bild zeigt Lady Gaga auf der „Born This Way Ball“-Tour in Vilnius Bild: dapd

Lady Gaga sucht in Berlin die Nähe zum Publikum und bittet Vorzeige-Fans auf die Bühne. Ihren Auftritt inszeniert sie in einem Kindertraum von Bühnenbild.

          Ja, sie hat tatsächlich deutlich zugenommen: fünfzehn Kilogramm, so behaupten Klatschbasennetzforen. Gefühlt sieht das nach einer Verdoppelung des Körper- und vor allem des Gesichtsumfangs aus. Irritiert wandert der Blick von der realen blondmonstermähnigen Gestalt auf der Bühne zu ihren Nahaufnahmen auf den Videoschirmen. Man versucht, die Erscheinung von Lady Gaga in der Berliner O2 World mit dem insektenhaften Androidenwesen auf ihren Plattencovern zur Deckung zu bringen, und es gelingt nicht. Die Berliner Gaga könnte eine vollkommen andere Person sein.

          Bevor jetzt Protestschreiben verfasst werden: Nein, als hämische Figurkrittelei sind diese Bemerkungen nicht gedacht. Im Gegenteil: Die kräftigere Statur steht der Sängerin ausgesprochen gut. Sie passt viel besser als der mediale Modelkörper zur aggressiven Energie, mit der Lady Gaga durch die Großraumhalle hopst; zu ihrem Amazonenkampf gegen Homophobie und sonstige zwischenmenschliche Diskriminierungen; zur mütterlichen Art, mit der sie Fans an ihr Herz drückt; zum Rockröhrendruck ihres hysterisch-schönen Heulbojengesangs, der kein Playback braucht.

          Eine Supermarkthühnchenpuppenvagina

          Über Lady Gagas ausgestellte Kunstprodukthaftigkeit ist seit ihrem phänomenalen Erfolg mit neunzig Millionen verkauften Platten in vier Jahren viel geschrieben worden. Eigentlich ist es blödsinnig, dem Bühnen-Ich der 26 Jahre alten Amerikanerin in „Brigitte“-Manier mit dem Zuwachs von Körperfett auch mehr Authentizität zurechnen zu wollen. Aber leider muss man während des Konzerts über dieses überstrapazierte Thema trotzdem sehr nachdenken.

          Im Hinblick auf Künstlichkeit versus Natürlichkeit scheint das gut zweistündige Programm in zwei Teile zu zerfallen. Der erste, musicalhaft inszenierte Teil gehört Gaga, der Popkunstikone. Sie reitet auf einem Robotereinhorn, wird aus einer Supermarkthühnchenpuppenvagina geboren, trägt bizarre Kleiderskulpturen und wird von einem Hologramm gejagt. Das Bühnenbild, durch das die Sängerin mit einer Horde von Tänzern tobt, ist ein schöner Kindertraum: eine echte, lebensgroße, aufklappbare Ritterburg wie von Playmobil.

          Eine Verschwesterung mit der Masse

          Im zweiten Teil wird die Ikone dann Mensch und sucht die Nähe zum Publikum. Mit dem rauhen Charme einer großherzigen Hure verkündet Lady Gaga Liebesbotschaften und Lebenshilfe: „I am not an Alien...I am you“; „We have the same hopes, we have the same dreams“; „It is as easy to change the world, as it is to change your hair.“ Sie lässt sich mit Geschenken bewerfen, hüllt sich in ein handbemaltes T-Shirt und einen Liebesbrief auf Klopapier, singt Arm in Arm mit einer seligen Anhängerin eine Ballade und bittet weitere Fans zum gemeinsamen Tanz.

          Zugegeben: Originell und feinsinnig ist Lady Gagas „Sei-du-selbst-ich-liebe-euch-alle“-Evangelium nicht gerade. Aber was sollte sie vor einer Menge von 12000 Menschen sonst sagen? Merkwürdig ist eher der halb spontane, halb durchchoreographierte Charakter ihrer Verschwesterung mit der Masse. Diejenigen, die zum Star auf die Bühne dürfen, sind zwar wohl tatsächlich authentische Zuschauer und nicht verkappte Mitarbeiter. Aber sie wirken dann doch etwas zu gestylt-niedlich, quasi einem Ko-Branding von Lady Gaga mit der Modemarke Tommy Hilfinger entsprungen, als dass sie das eher bodenständige Berliner Publikum repräsentieren könnten.

          Wie zeitgemäß krass aufgemotztes ABBA

          Diese Vorzeigefans werden auch nicht dem großen Zuschauerparkett entnommen, sondern stammen aus einem abgetrennten VIP-Areal direkt vor der Bühne. Dieser orchestergrabenhafte Pool ist offenbar für besonders devote Anhänger und Freunde Gagas bestimmt - durchweg junge, schrill kostümierte Leute, die stets besonders frenetisch klatschjubeln und auf diese Weise für die Augen der Normalzuschauer und der Kameras die Rolle von Enthusiasmusaggregatoren oder -simulatoren übernehmen.

          Aber wahrscheinlich sollte man die Entwirrung von Schein und Wahrheit im emotionalen Projektionsangebot einer Popmegashow gar nicht erst versuchen, sondern einfach ein bisschen zur Musik wippen. Die wird bei Lady Gaga, im Rahmen des Genres Großraumdisko, immer besser. Das Strickmuster bleibt wie bei ihren ersten Hits „Just Dance“ und „Pokerface“ ein düster pumpender Vierviertelbeat mit Robotergesang in den Strophen und den besagten Heulbojenrefrains.

          Die neueren Stücke, etwa „Bad Kids“, „Bloody Mary“ oder „Born this Way“, werden nun immer mehr pathetisch, mehrstimmig-melodieselig und verspielt. In der Live-Umsetzung des Berliner „Born This Way Ball“ dröhnen dazu echte Schweinerockgitarren. Lady Gaga klingt wie zeitgemäß krass aufgemotztes ABBA. Also gut.

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