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Lady Gaga in Berlin : Dann ist Popmusik ja doch Kunst!

  • -Aktualisiert am

Nachhaltige Mode? Bei Lady Gaga weiß man nicht so recht Bild: AP

Oberstufenparty zu vorgerückter Stunde: Lady Gaga bringt in Berlin ihr neues Album unter die Leute und verabreicht dabei „Artpop“ als Medizin.

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          Zunächst zum Kostüm, denn das interessiert die Öffentlichkeit wahrscheinlich mehr als die Musik: Lady Gaga trägt einen angeklebten Schnurrbart mit himmelwärts geknickten Ecken. Lesen wir ihn als Referenz an Wilhelm II., an Berlin und Deutschland. Wie der Kaiser legt sie den Kopf stolz in den Nacken, so dass dieses wichtigste Accessoire gut zur Geltung kommt. Die Perücke ist ein platinblonder zurückgekämmter Bob. Im Stil von Julian Assange, nur etwas länger. Die üppigen falschen Wimpern sind ebenfalls platinblond. Die vielen Haare im Gesicht geben Lady Gaga etwas nagetierhaft Niedliches.

          Abwärts des androgynen Kopfes kommt sie in schwarzer Strapsunterwäsche unterm Pelzmantel als klassische Femme fatale daher. Genderpolitisch kritisch ließe sich fragen, ob diese Unterwerfung unter das heteronormative Bild der Frau als Sexobjekt die zur Schau gestellten Überschreitungen von Geschlechterrollen nicht letztlich negiert. Oder ist diese Erotik die notwendige Trägersubstanz, damit der Mainstream zumindest ein bisschen queere Medizin schluckt?

          Das Höschen rutscht, die Playlist läuft

          Einige hundert Zuschauer sind in eine weitgehend ungenutzte Nebenhalle des Berliner Clubs Berghain geladen. Die eine Hälfte bilden schrill kostümierte Gaga-Fans im abiturnahen Alter, die andere Journalisten und PR-Leute. Das siebzehn Meter hohe Heizkraftwerk dient als imposante Werbekulisse für Lady Gagas im November erscheinendes Album „Artpop“ und für ein deutsches Streamingportal für Musik und Videos.

          Musik : Lady Gaga rockt Berlin

          Die Bühne allerdings ist klein: zwei Sessel und zwei von Jeff Koons gestaltete Gaga-Plakate. Wird Lady Gaga ganz kunstlos dort Platz nehmen, die CD einlegen und auf Play drücken? Im Grunde passiert genau das, nur wilder. Die Fans kreischen und hüpfen, der Star macht auf dem Sessel oder auf einem Podest in der Menge entspannt und ausgelassen mit. Man fällt einander in die Arme, fotografiert sich, bewirft sich mit Glitzerstaub. Lady Gaga lässt ihren BH und das Miederhöschen rutschen. Während Lied eins bis fünfzehn durchlaufen, entfaltet sich Spaß wie auf einer Oberstufenparty zu vorgerückter Stunde.

          Ihr Stil hat sich gewandelt

          Wem „Born This Way“, die letzte Platte, nicht gefallen hat, wird „Artpop“ sicherlich auch nicht mögen (und umgekehrt). Der Kompressor, die Profiversion dessen, was an der heimischen Stereoanlage die Loudness-Taste ist, kommt darauf womöglich noch exzessiver zum Einsatz. Pumpende, sägende und heulende Elektroklänge erfassen den Körper wie Granatensperrfeuer.

          Teenager von heute sind an diese Produktionsästhetik, die früher nur der übelste Hardcore-Techno nutzte, gewöhnt. Auf die gehörlich sensiblere Zielgruppe fünfundreißig plus kann Lady Gaga offenbar gut verzichten. Die überlässt sie gnädig ihrer Popthronkonkurrentin Madonna. Soweit sich künstlerische Feinheiten bei diesem ersten Hören ausmachen lassen, hat sich der musikalische Stil allerdings etwas gewandelt. Anstatt Hardrock-Eurodance mehr Dubstep-R&B.

          Nach dem Ende der CD gibt es noch eine wirklich rührend herzliche Frage-Antwort-Runde zwischen Lady Gaga und ihren Verehrern. Womöglich wurde sie in diesem schon mit „Born This Way“ zelebrierten Kult der körperlichen Nähe von ihrer neuen Lehrerin, der Performance-Künstlerin Marina Abramović, bestärkt. Neben gegenseitigen Artigkeiten und Liebesbezeugungen erklärt Gaga am Beispiel der Suppendose sehr unprätentiös, wie der Titel „Artpop“ gemeint ist. Seit die Suppendose durch Warhol abgebildet wurde, lasse sich deren Alltagserscheinung ebenfalls als Kunstwerk erleben. In diesem Sinne sei auch Popmusik Kunst.

          Das gilt natürlich auch für, sagen wir, Peter Maffay, obwohl der nicht so oft die Frisur wechselt. Dass Maffays Werk Poptheoretikern weniger Anlass zu Deutungen liefert, hängt wohl weniger damit zusammen, dass bei ihm der Zusammenhang von Inszenierung und Authentizität, Geschlechterrolle et cetera unkomplizierter wäre; eher damit, dass er weder sexy Frau noch zukunftsweisend queer gestaltet ist.

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