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Kulturfestivals in Jerusalem : In dieser Stadt ist nichts unpolitisch

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Ein Publikum, das dermaßen vertieft Noisemusik lauscht, sieht man in Westeuropa selten: Szene vom Jerusalemer „Frontline Festival“. Bild: Jerusalem Season of Culture

Wie verträgt sich säkulare Underground-Musik mit dem heiligen Jerusalem? Bei Festivals wie dem Musrara Mix begegnen sich Juden wie Muslime, Hipster und Bankangestellte zwischen Kunstfreiheit und Konflikt.

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          Ein Dröhnen und Fiepen. Gefolgt von einem stehenden Ton, zähflüssig wie Sirup, und einem Bass, der die Luft durchpflügt. Bis auf das trübe, von einem kleinen Fernsehbildschirm reflektierte Licht, auf dem das nervöse Flimmern eines Störbilds zu sehen ist, herrscht völlige Dunkelheit. Auf der ebenerdigen Bühne bewegen sich zwei Silhouetten.

          Adam Ben Nun, Gitarrist des Noise-Duos „40 Prophets“, steht mit dem Rücken zum Publikum und wiegt träge hin und her. Aviv Stern, zuständig für Elektronik, hockt auf dem Boden, zieht beherzt an einer Zigarette und entlockt seinen Geräten Sounds, die klingen, als empfange er sie direkt aus dem Weltall. Dann klemmt er ein kleines Mikrofon zwischen seine Zähne und erzeugt einen verzerrten Klagegesang. Nun und Stern haben die Welt um sich herum vergessen, genau wie das Publikum, das andächtig auf dem Boden sitzt.

          Zeitungen oder Konzerte sind hier strikt untersagt

          „In Jerusalem hat jedes Konzert etwas sehr Spirituelles“, hatte Gilli Levy, DJ, Produzent und Inhaber des Musiklabels „Raash Hour“ einen Tag zuvor noch erzählt. Und hatte recht. Ein Publikum, das wie hier im Jerusalemer Konzertclub „Straus“ dermaßen vertieft Noisemusik lauscht, sieht man in Westeuropa selten. Genauso selten changiert eine Musik so unbeschwert zwischen Rohheit und Melancholie, zwischen bedrohlichem Lärm und flirrender Stille, aber auch zwischen Verzweiflung und Hoffnung - und spiegelt damit die Konflikte der Stadt, in der sich hier alle täglich bewegen.

          Es sind die Konflikte zwischen Juden und Palästinensern, aber auch zwischen Säkularen und Ultraorthodoxen, die zum Alltag einer Stadt gehören, in der nichts, schon gar nicht Musik, unpolitisch ist. Das „Straus“ etwa, ein kleiner Gewölbekeller, befindet sich inmitten des streng religiösen Viertels Me’a Sche’arim. Hier wohnen zu neunzig Prozent „Haredi“, Anhänger einer Form des ultraorthodoxen Judentums. Ein Milieu, in dem weltliche Dinge wie das Lesen von Zeitungen, das Internet oder Konzerte, strikt untersagt sind.

          Zusammenhalt über Genre-Grenzen hinweg

          „Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt dort sein dürfen“, sagt Tomer Damsky, eine der Betreiberinnen des Clubs, den sie zusammen mit Freunden im Herbst 2013 eröffnet hat, am nächsten Tag. Es ist heiß an diesem frühen Nachmittag, doch die schmale Gasse vor dem Café Uganda, einem Hybrid aus Plattenladen und hipper Bar im Westen der Stadt, spendet kühlenden Schatten. Damsky, die in experimentellen Projekten wie „Talk To Your ToTTem“ musiziert, lebt seit fünf Jahren in der Stadt, nachdem sie im Gazastreifen den für alle Israelis obligatorischen Militärdienst absolviert hat. Die Entscheidung, nach Jerusalem zu gehen, ist für junge, säkulare Israelis alles andere als selbstverständlich. Immerhin ist hier die Mehrheit der Einwohner, rund 70 Prozent, streng religiös.

          Betreibt den Club „Straus“ seit Herbst 2013 zusammen mit Freunden: Tomer Damsky
          Betreibt den Club „Straus“ seit Herbst 2013 zusammen mit Freunden: Tomer Damsky : Bild: Patrick Slesiona

          Die meisten zieht es ins säkulare Tel Aviv, wo es im Gegensatz zur „heiligsten Stadt der Welt“ eine große alternative Kulturszene gibt. Die gäbe es Damsky zufolge auch in Jerusalem, doch sei diese sehr überschaubar - und stets kritisch beäugt von den konservativen Kräften. Dana Decktor, die sich spontan dazugesetzt hat und ebenfalls im „Straus“ aktiv ist, ergänzt: „Die Musikszene hier ist zwar klein, aber dafür herrscht hier ein starker Zusammenhalt. Unabhängig vom Genre.“

          Hier begegnen sich alle

          Dieser familiäre Geist lässt sich am nächsten Abend im „Musrara“-Viertel beobachten. Dort findet wie jeden Juni das Kulturfestival „Musrara Mix“ statt. In Privatwohnungen und Innenhöfen gibt es eine Woche lang jeden Abend Konzerte und Ausstellungen, von Fotografie über Medienkunst bis experimentelle Musik.

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