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Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

Bela B Felsenheimer von Die Ärzte Bild: adolph press/WELSCHER

Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

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          Es ist schwer zu glauben, dass sich ausgerechnet Rammstein nicht durchsetzt. Wenn Till Lindemann, der Rammstein-Sänger, „Und dann reiß ich der Puppe den Kopf ab“ ins Mikrofon schreit, flankiert von den E-Gitarren, deren Stakkato-Rhythmik den Nachthimmel durchschneidet wie Maschinengewehrfeuer, dann ist die Wucht der Musik am Körper und überall im Stadion zu spüren. Alle Augen sind auf die Bühne gerichtet, wo es brennt und flackert und explodiert. Im wahren Leben, vor dem Stadion, herrscht hingegen die pure Anarchie eines wildgewordenen Ticketmarktes. Hier explodieren allenfalls die Preise.

          Vor allem die Ticketbörse Viagogo macht die Musiker wütend. Rammstein hat zweimal geklagt, die Verfahren laufen noch. Die Band Die Ärzte hat eine einstweilige Verfügung erwirkt und mit einer Klage nachgelegt, allein die Durchsetzung ist schwierig: Viagogo sitzt in der Schweiz, auf der Plattform sind deren Karten weiterhin zu kaufen. Viele Veranstalter von Konzerten, Theaterstücken oder Sportevents beschweren sich über undurchsichtige Verkaufsmaschen – und darüber, dass ihr Preisgefüge durcheinandergewirbelt wird.

          Die große Geldmaschine

          Viagogo ist offiziell nur eine Ticketbörse, eine Art Ebay für Eintrittskarten, eine Plattform, auf der sich Verkäufer und Käufer treffen, um einen Kaufvertrag abzuschließen. Wer dort ein Rammstein-Ticket erwirbt, kauft es bei einer dritten Person, nicht aber bei Viagogo selbst. Wo die Eintrittskarten herkommen, ist unklar, denn die Verkäufer bleiben anonym. „Wir begrüßen alle Arten von Ticketverkäufern auf unserer Plattform“, lässt Viagogo auf Anfrage mitteilen. „Wir glauben, dass es denjenigen, die berechtigt sind, Tickets zu kaufen, oder die bereits Tickets erhalten haben, freistehen sollte, an andere Fans weiterzuverkaufen. Die Mehrheit der Verkäufer auf Viagogo sind Einzelpersonen, die eine kleine Anzahl von Tickets verkaufen.“ 93 Prozent der Verkäufer in Deutschland hätten demnach 2019 weniger als zehnmal Tickets über die Plattform verkauft, 95 Prozent aus dieser Gruppe weniger als fünfmal, schreibt das Unternehmen.

          Kritiker wie die Verbraucherzentrale Bayern vermuten allerdings auch professionelle Händler, die den Erstmarkt mit Hilfe von Computern und Hilfskräften leerkaufen, um auf dem Zweitmarkt das große Geschäft zu machen. Im vergangenen Jahr gingen den britischen Behörden zwei dicke Fische ins Netz: Händler hatten unter falschen Identitäten mehrere tausend Tickets von Ed Sheeran und Taylor Swift verhökert, auf Plattformen wie Viagogo – sie wurden zu Haftstrafen verurteilt. „Das ist eine riesengroße Geldmaschine“, sagt Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale. Die Kritiker sind sich einig: Der Schwarzmarkt muss bekämpft werden.

          Umstritten ist allerdings, ob Ticketbörsen von Drittanbietern überhaupt legitim sind. „Die Idee von Sekundärmärkten, auf denen Menschen ihre Karten weiterverkaufen können, wenn sie erkranken oder etwas dazwischenkommt, ist an sich zu begrüßen“, sagt Halm. Felix Holzhäuser, Anwalt der Münchner Kanzlei Lentze Stopper, die große Sportveranstalter wie die Deutsche Fußball-Liga oder das Aachener Reitturnier CHIO berät, akzentuiert anders: „Ich sehe darin einen Vertragsbruch. Denn grundsätzlich ist der Weiterverkauf von Tickets nach den meisten Ticket-AGB nicht erlaubt, es sei denn auf dem offiziellen Sekundärmarkt des Veranstalters zu den dort festgelegten Konditionen, das heißt vor allem ohne Gewinnaufschlag.“ Viagogo selbst sieht das so: „Wir möchten betonen, dass es in Deutschland völlig legal ist, Eintrittskarten weiterzuverkaufen. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, Käufern und Verkäufern eine effiziente, sichere und transparente Plattform zur Verfügung zu stellen, die es ihnen ermöglicht, ihr Recht auf den Kauf und Verkauf von Eintrittskarten auszuüben. Kurz: Wir demokratisieren den Ticketzugang.“

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